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Warum ich keinen Bock mehr auf das deutsche Leistungssystem habe

Deutschland, du bist krank.
| Amelie Haupt |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Auf Reisen gewinnt man Abstand. Physisch bin ich gerade in Mittelamerika und psychisch fühle ich mich Welten von Deutschland entfernt. Mit einem Piña Colada in der Hand blicke ich auf das karibische Meer und frage mich, was bei uns Deutschen eigentlich schiefgelaufen ist und warum wir es noch nicht einmal merken. Unsere Gesellschaft ist auf Leistung ausgerichtet: Überstunden, Fortbildungen, Selbstoptimierung. Die Folgen: Chronischer Stress, Burn-out, Unglücklichsein. Mir spuken ein paar Gespräche im Kopf, die ich in den vergangenen Monaten von Deutschen gehört habe und die mich den Kopf schütteln lassen. Deutschland, ich mache mir Sorgen um dich.

„Na, es geht ja auch um den Spaß an der Sache“, erkläre ich Jan (Namen geändert; aus Gründen…), meinem Kommilitonen. Wir stecken gerade in einer sehr schwierigen Diskussion über die Herangehensweise einer Gruppenarbeit. Jan schaut mich böse, fast verächtlich an. Völlig verständnislos erwidert er: „Es geht doch nicht darum, dass wir Spaß haben, sondern dass wir eine gute Note für das Projekt bekommen!“

Ja wo kämen wir bloß hin, wenn die Arbeit oder das Studium Spaß machen würden? In Teufelsküche kämen wir, da muss ich Jan recht geben. Das einzig Wichtige ist die Note. Eigentlich nicht die Note selbst, aber ein Notenschnitt über dem Durchschnitt, damit uns alle Türen der Arbeitswelt offenstehen. Jan möchte nämlich später im Consulting (Neudeutsch für Unternehmensberatung) arbeiten und in dieser Branche braucht er hervorragende Noten und Referenzen.
Und ich möchte, dass Jan mir nicht auf den Sack geht mit seinem Ehrgeiz. Für mich ist das Wichtigste, dass ich interessante Inhalte lerne, die mir helfen, die Welt besser zu verstehen und Probleme zu lösen. Wann ist es eigentlich passiert, dass wir, das Land der Dichter und Denker, der humboldtschen Bildung den Rücken kehrten und unseren Horizont nun lediglich an nichtssagenden Noten bemessen?
Für das Projekt haben wir übrigens nur eine 2.0 bekommen. Jan war außer sich vor Wut und bat die Dozentin um Revision. Ich war zufrieden. Ich habe in dieser Gruppenarbeit nämlich gelernt, mir meinen Spaß am Studium nicht von verblendeten Schwachköpfen nehmen zu lassen.

„Ich würde auch voll gerne nach dem Bachelorabschluss reisen, aber ist das nicht schon eine Lücke im Lebenslauf?“ „Wie lange willst du denn weg sein?“ „Schon so drei Monate.“ Mein rechtes Auge zuckt. Ich schaue meine Kommilitonin fassungslos an und weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll.

Im Ernst? Leute fragen sich, ob drei Monate Reisen nach dem Bachelor schon eine Lücke im Lebenslauf darstellt? Ich verstehe diesen Begriff „Lücke im Lebenslauf“ ohnehin nicht. Reisen ist nie eine Lebenslücke. Im Gegenteil: Nie ist das Leben voller und bereichernder als auf Reisen! Noch mehr stört mich die Denkweise, dass ein perfekter Lebenslauf wichtiger ist, als das Leben selbst. Gut, dann hast du einen lückenlosen Lebenslauf und landest deswegen einen besseren, gut bezahlten, interessanten Job (falls Unternehmen dich wirklich für deinen stringenten Lebenslauf bevorzugen), aber dann träumst du immer noch davon, deine Reise zu machen. Und wann wirst du sie machen? Ist ein Sabbatical nicht auch eine Lücke im Lebenslauf, die dir zum Verhängnis werden könnte, wenn du dich auf den nächsten, noch besseren Job bewirbst? Willst du wirklich deinen Lebenslauf vor dein eigentliches Leben setzen? Ist das deine Priorität? Meine ist es definitiv nicht. Ich bin selbst gerade auf einer längeren Reise für mehr als drei Monate und genieße sie in vollen Zügen. Ich bin selbstbewusst genug zu sagen: Wenn mich ein Unternehmen für diese Lebensentscheidung nicht einstellen wird, dann sind das keine Menschen, für die ich arbeiten will.

„Klar, einfach mal nichts zu tun ist natürlich mehr als verlockend, aber auch verschwendete Zeit, oder?“

Der aufmerksamen seitenwaelzer-Leserschaft dürfte dieser Satz bekannt vorkommen. Er stammt aus einem Artikel über Podcasts, der erst vor kurzem auf seitenwaelzer veröffentlicht wurde. Ich finde es sehr bedenkenswert, dass wir keine Zeit mehr mit Nichtstun verbringen dürfen. Wo bleiben das Genießen, die Erholung, das Gleichgewicht? Wenn wir uns permanent mit Informationen zuballern, lernen wir ohnehin kaum etwas. Das Gehirn braucht seine Ruhephasen, um Wissen zu verarbeiten. Deswegen sind Schlaf und Entspannung auch so unfassbar wichtig und alles andere als Zeitverschwendung. Außerdem müssen wir nicht permanent Lernen und „Sinnvolles“ tun. Ich will jetzt keine Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn geben, aber ich bezweifle stark, dass der Sinn des Lebens in exzessiver Selbstoptimierung liegt. Ich habe das Gefühl, dass wir uns derart auf Leistungsbereitschaft und Produktivität fixiert haben, dass wir dabei andere Formen des Schaffens völlig vergessen. Was ist zum Beispiel mit Kreativität? Ist das keine „Leistung“, die erstrebenswert ist? Um kreativ zu sein, müssen wir uns doch ausreichend Raum und Zeit geben: ein bewegendes Buch lesen, einen inspirierenden Film schauen oder einfach nur auf dem Bett liegen und nichts tun.

„Ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr.“

Diese beunruhigenden Worte las ich in der Instagram-Story einer Schülerin. Jule ist gerade in der 11. Klasse, beschreibt sich selbst als Perfektionistin und postet immer wieder über ihre „schlechten“ Noten (die meisten ihrer Posts zeigen Klausuren mit ~11 Punkten, was der Note “gut” entspricht). Die letzte Klausurenphase hat sie ziemlich mitgenommen und sie fühlt sich völlig überfordert. Hinzu kommen noch Familienprobleme, erklärt sie mir bereitwillig in einer privaten Nachricht. Wir kennen uns nicht persönlich, aber ich konnte diesen offensichtlichen Hilfeschrei nicht ignorieren. Nicht nach der dramatischen Geschichten von Amanda Todd, einer Schülerin, die sich wegen Cyber-Bullyings umbrachte. Ihr Hilferuf in Form eines Youtube-Videos ging viral.
Jule ist definitiv kein Einzelfall. Burn-out ist auch in Schulen längst keine seltene Krankheit mehr. Nur logisch, wenn man bedenkt, dass wir leistungswütigen Erwachsenen zum einen das Bildungssystem geschaffen haben und zum anderen auf täglicher Basis als Vorbild dienen. Wenn wir es selbst nicht hinbekommen, unser Wohlbefinden höher zu priorisieren als Leistung, von wem sollte die heranwachsende Generation es besser wissen?

„Ich habe hier gelernt, einfach mal nichts zu tun. Das ist mir am Anfang richtig schwergefallen.“

Sandra ist fast ein Jahr lang durch Mexiko gereist und hat nun beschlossen, sich hier niederzulassen. Sie ist genauso froh wie ich, dem deutschen Leistungssystem entkommen zu sein. Hier muss nicht alles, was sie tut, sinnvoll und nützlich sein. Hier kann sie auch einfach mal sein, ganz im Hier und Jetzt. Den Sonnenuntergang genießen oder das spannende Buch in den Händen. Ganz ohne schlechtes Gewissen wegen ihres Nichtstuns.
Beim Reden umspielt ein Lächeln ihre Lippen und ihre Augen strahlen Ruhe aus. Sie wirkt glücklich. Ich denke, es wird uns allen besser gehen, wenn wir lernen, das Nichtstun wieder zu genießen.


Quellen:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hirnforschung-pause-macht-produktiv-a-707465.html

https://en.wikipedia.org/wiki/Suicide_of_Amanda_Todd

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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