Gesellschaft und Lifestyle / Interview
Cosplay – Zwischen Leidenschaft und Toxizität
Ein Interview mit der Cosplayerin Emily über ihre Erfahrungen.
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
Die Dokomi und der Japan-Tag haben seit Anfang der 2000er Einzug in Deutschland gehalten. Seitdem sind viele weitere Conventions dazu gekommen und immer mehr Besucher*innen versuchen sich als Cosplayer*innen. Aber wie geht es eigentlich innerhalb der Community zu? Emily ist 19 Jahre alt, lebt in Duisburg und erzählt mir von ihren Erfahrungen als Cosplayerin.
Aber um was handelt es sich bei Cosplay überhaupt?
Für Emily ist Cosplay ein sehr breit gefächerter Begriff, für den jeder seine eigene Definition hat. Allgemein versteht man darunter das Kostümieren und Darstellen eines Charakters aus fiktiven Filmen, Serien, Animes, Videospielen oder auch aus der Realität. Es sind hierbei keine Grenzen gesetzt.
Emilys Cosplay-Anfänge
Seitdem Emily 2016 von einem Klassenkameraden ein Manga geschenkt bekommen hat, brennt sie für die Anime-Welt. Sie ist dann im Laufe der Zeit über YouTube und den dortigen Anime-Content auf Cosplayer*innen aufmerksam geworden und wollte es selbst einmal ausprobieren.
Zusammen mit Freund*innen ist Emily zum ersten Mal auf Conventions gegangen und hat so gemerkt, dass Cosplay genau das Richtige für sie ist. Sie erzählt mir, dass ihr erstes Cosplay Miku Hatsune war, ein zugänglicher und prominenter Charakter, denn ganz am Anfang hatte sie noch Bedenken, sich im Cosplay auszuleben. Mit der Zeit und viel Übung ist Emily dann aber komplett in ihr neues Hobby eingetaucht.
Die Höhen und Tiefen der Cosplay-Community
„Man erwartet bei so einer speziellen Community, wo die meisten vorher nirgendwo richtig reingepasst haben, dass untereinander viel unterstützt wird, aber in den letzten Jahren ist es sehr toxisch geworden.“
Zwar kann jeder einen Platz, also andere Cosplayer*innen oder Freund*innen in der Community finden, die sich gegenseitig unterstützen und die besten Supporter*innen sind, aber innerhalb der Community werden klassische Beautystandards, wie bei Frauen ein flacher Bauch oder eine schmale Taille, aber auch bei Männern ein muskulöser Körper, gepusht. Es geht fast nur noch darum, wer schöner oder wer unechter ist. Durch Photoshop oder bestimmtes Make-up werden die natürlichen Proportionen verändert. Außerdem hat sich der Content vieler Cosplayer*innen in eine sehr politische Richtung gewandelt. Politische Statements oder auch Streit über verschiedenste gesellschaftliche Themen, wie zum Beispiel Body Positivity, scheinen vielen wichtiger geworden zu sein als die Leidenschaft für Cosplay.
Emilys negative Erfahrungen
Emily erzählt mir, dass von innerhalb der Community, aber auch von außerhalb bei vielen weiblichen wie auch männlichen Cosplayer*innen zur konstanten Objektifizierung kommt. Außerdem werden sie nicht selten sexuell belästigt. Viele der Cosplayer*innen sexualisieren sich zwar selbst stark, aber das ist ihre freie Entscheidung und rechtfertigt keine Verunmenschlichung.
„Die meisten Cosplayer*innen, auch ich, werden nur als Content-Püppchen angesehen. Wir sollen unseren Content für die anderen machen.“
Aber Emily will den Inhalt für sich selbst erstellen. Neben dem Problem, ständig als Objekt angesehen zu werden, wird einem der eigene Erfolg nicht gegönnt. Oft von denjenigen, die den Content konsumieren, aber ihn selbst nicht produzieren. Sie verurteilen Cosplayer*innen für ihre Kostüme oder im Allgemeinen ihre Darstellung eines bestimmten Charakters. Aus diesen Gründen hat sich Emily vor circa zwei Jahren dazu entschieden, die Community zu verlassen.
Emilys positive Erfahrungen
Beim Cosplay gibt es für Emily aber auch viele Dinge, die ihr Spaß machen. Ganz oben mit dabei sind die Shootings: ob alleine, zu zweit, mit einer Gruppe oder auch selbst hinter der Kamera. Die soziale Interaktion in ihrem kleinen Kreis ist entspannt und witzig, sei es bei den Shootings selbst oder auch einfach nur beim gemeinsamen Beisammensitzen. So kann sie ihrer Kreativität für die Erstellung von Cosplays freien Lauf lassen, die sie dann bei Conventions präsentiert. Sie erzählt mir, dass es ein tolles Gefühl ist, wenn sie Anerkennung für ihre Kostüme bekommt.
Selbstfindung als Cosplayerin
„Ich cosplaye viel mehr für mich selbst, um mich wohlzufühlen. Es geht jetzt um mich und nicht darum, anderen zu gefallen. So habe ich mehr Unterstützung bekommen als vorher.“
Emily geht es mit dieser Einstellung besser als jemals zuvor, denn durch sie hat sie zurück zum Cosplay gefunden. Nachdem sie jemanden aus der Community kennengelernt hat, hat sie sich daran erinnert, wie viel Spaß es gemacht hat, sich mit Leuten zu treffen, die diesem Hobby so viel Leidenschaft entgegenbringen. Auch wurde ihr durch den Anime My Dress-up Darling wieder all das Schöne ins Gedächtnis gerufen, wie das Kostümieren oder die Fotoshootings. Von jetzt auf gleich war sie wieder Teil der Community. Und ihre Freund*innen haben selbstverständlich auf sie gewartet.
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Benja Bauroth
"Follow your dreams, they know the way" - ein Motto, das sie direkt zum Studium in Kommunikationswissenschaft nach Münster geführt hat. Durch ihre Liebe zu Büchern und Filmen reist sie durch verschiedene Mythologien, jagt Dämonen oder schwingt den Zauberstab. Doch auch ihre Abenteuerlust führt sie auf reale Reisen nach Irland oder Skandinavien. Bei Spaziergängen unter dem Sternenhimmel philosophiert sie gerne über das Leben.
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