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Das Leben einer Teilzeitchaotin

Die erste Frage, die sich einem jetzt sicher aufdrängt, ist, warum ich keine Vollzeitchaotin bin. Vollzeit würde für mich heißen, dass mein Leben komplett chaotisch wäre, vom Aufwachen bis zum Schlafengehen und auch die Nachtruhe an sich, die dann natürlich nichts mehr mit „Ruhe“ zu tun hätte. Ja eigentlich wäre die Nachtruhe wohl am chaotischsten. Ein Vollzeitchaot lebt zwar im absoluten Chaos, versteht es aber, das Chaos zu beherrschen.
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Die erste Frage, die sich einem jetzt sicher aufdrängt, ist, warum ich keine Vollzeitchaotin bin.

Vollzeit würde für mich heißen, dass mein Leben komplett chaotisch wäre, vom Aufwachen bis zum Schlafengehen und auch die Nachtruhe an sich, die dann natürlich nichts mehr mit „Ruhe“ zu tun hätte. Ja, eigentlich wäre die Nachtruhe wohl am chaotischsten. Ein Vollzeitchaot lebt zwar im absoluten Chaos, versteht es aber, das Chaos zu beherrschen.

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Er beherrscht das Chaos wie Caesar die Gallier beherrschte – Asterix und Obelix mal ausgenommen. Er zähmt das Chaos wie einen wilden Mustang und reitet auf ihm in den Sonnenuntergang. Er packt das Chaos an den Hörnern und geht immer als Sieger hervor. Er steckt seinen Kopf in das Maul des Chaos auf dem Podest und weiß, es wird bei ihm nie zuschnappen.

Ein Vollzeitchaot lebt sein Leben total chaotisch. Er weiß nie, wo seine Papiere sind, er geht zu spät ins Bett , weiß nicht, wann die nächste Klausur geschrieben wird, oder wann er den Semesterbeitrag überweisen muss, ohne vorher exmatrikuliert worden zu sein. Das Besondere ist aber, dass er trotzdem ruhig bleibt. Er findet seine Papiere, schreibt die nächste Klausur und überweist seinen Semesterbeitrag. Und das alles ohne vorher einen Nervenzusammenbruch zu erleiden.

Ich bin das absolute Gegenteil. Mein ganzes Leben ist ein einziger gebrochener Vorsatz, eine riesige To-do-Liste. Ständig nehme ich mir Dinge vor und fertige To-do-Listen an, um die guten Vorsätze in die Tat umzusetzen. To-do-Listen sind meine Leidenschaft, ich kalligraphiere sie mit meinem besonderen To-do-Listen-Kugelschreiber in meinen selbstgestalteten Kalender mit einem extra Platz für To-do-Listen und farbcodiere sogar die einzelnen Aufgabenbereiche. Am Ende der Woche habe ich dann maximal drei von 24 Punkten abgehakt. Ich weiß immer, wo meine Papiere sind, ich habe immer alle Daten im Kopf, im Kalender und natürlich auf Post-Its.
Mein Schreibtisch besteht aus sauber geklebten Post-Its, natürlich farbcodiert, ordentlichen Bücherstapeln, nicht farbcodiert, aber geordnet nach Thema, Fach, und Abgabedatum, verschiedenen Papierstapeln, Schmierpapier, normales Schreibpapier, besonderes Schreibpapier, nicht farbcodiert, und natürlich verschiedenen Sorten von Stiften, mit denen ich dann farbcodiere.

Meine Organisation und Ordnung sind wunderbar und trotzdem geht immer alles schief. Ich erstelle einen Lernplan, mit dem ich alle relevanten Themen ausreichend abdecke und mich zeitlich nicht überfordere, wenn ich drei Wochen vor der Klausur anfange zu lernen – und fange dann drei Tage vorher an. Ich nehme mir vor, zu einer angemessenen Uhrzeit ins Bett zu gehen, um acht Stunden wohlverdienten Schlaf zu bekommen – und schlafe am Ende vier Stunden. Ich weiß, wann ich meinen Semesterbeitrag bezahlen muss, ohne eine Strafe zu zahlen und kann mich nicht aufraffen, zur Bank zu gehen. Die Bibliotheksbücher sind sogar nach Abgabedatum sortiert und ich zahle trotzdem viel zu oft Überziehungsgebühren.

Natürlich geht auch bei mir am Ende immer alles gut, aber nicht so gut, wie ich es mir gewünscht hätte. Für Klausuren lerne ich schließlich mit zwei Kannen Kaffee bis nachts und bekomme in der Nacht vor der Klausur nicht genug Schlaf. Den Semesterbeitrag überweise ich immer am vorletzten Tag, kurz bevor die Bank schließt. Dank meines Handyweckers, der mich alle fünf Minuten weckt, wache ich zumindest rechtzeitig genug auf, um angezogen aus dem Haus rennen zu können. Für Bibliotheksbücher habe ich inzwischen schon einen gefühlt dreistelligen Betrag bezahlt. Über Hausarbeiten will ich an dieser Stelle gar nicht reden…

Das Ergebnis ist dann dasselbe, wie bei einem Vollzeitchaoten. Der Semesterbeitrag ist rechtzeitig eingegangen, die Bücher sind abgegeben und auch Hausarbeiten und Klausuren habe ich geschrieben und bestanden. Nur bis zu diesem Ergebnis habe ich Hunderte To-do-Listen geschrieben, zwei Badewannen Kaffee getrunken und, was wohl am schwersten wiegt, den Stress meines Lebens gehabt. Und das mache ich jedes Semester. Während der Vollzeitchaot sich also bewusst ein ruhiges Leben macht und alles ans Ende des Semesters schiebt, nehme ich mir jeden Tag vor, produktiv zu sein. Wie oben gelesen, bin ich es dann doch nicht und bekomme ein schlechtes Gewissen, was mich zusätzlich zur sich anhäufenden Arbeit noch mehr stresst. Zum Schluss sitze ich dann da mit einem riesigen Berg von unerledigten Sachen, von dem ich letztendlich genauso viel abtrage, wie der Vollzeitchaot. Mein Ergebnis ist also gar nicht anders, nur dass ich das, was der Vollzeitchaot macht, zehnmal so gestresst erledige. Das lässt mich am Ende des Semesters erschöpft und ferienreif zurück.

Zum neuen Semester nehme ich mir dann immer vor, ordentlicher zu sein und meine To-do-Listen immer rechtzeitig abzuarbeiten. Und dann passiert wieder das, was ich oben beschrieben habe. Ein Teufelskreis.

Außer in diesem Semester, dieses Mal mache ich es richtig!

 

Eure Teilzeitchaotin

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