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Bildung / Meinung / Studium

Präsenzpflicht an Hochschulen – Die Kehrseite

Ein Kommentar gegen die Anwesenheitspflicht

Nachdem die neue Landesregierung in NRW die Abschaffung der Anwesenheitspflicht zurück nehmen will, lodert aktuell die Diskussion darum wieder auf: Sollen Studierende dazu verpflichtet werden, sämtliche Vorlesungen und Seminare zu besuchen? Geht es um einige Schlüsselkurse? Nur um Seminare? Nach dem Kommentar unserer Autorin Jasmin, welche sich für eine Anwesenheitspflicht ausspricht, sprechen sich nun Michael und Patrick mit ihren Argumenten dagegen aus. Wir gehen hierbei von dem Extremfall aus, dass Studierende künftig sämtliche Veranstaltungen besuchen müssen.

Zunächst möchten wir das Problem in zwei Lager unterteilen. Zum einen die institutionelle Seite, welche Dozenten und Hochschulen umfasst, zum anderen die Seite der Studierenden.

Die institutionelle Seite

Sollten Studierende verpflichtet werden, jede Veranstaltung, welche die Hochschule für ihr Fach vorgibt, zu besuchen, ergeben sich mehrere Probleme. Die Begeisterung seitens der Studierenden, welche soeben in ihrem freien Willen beschnitten wurden, wird sich voraussichtlich in Grenzen halten. Auch ohne die Anwesenheitspflicht sind heute schon längst nicht alle Studierenden, die eine Veranstaltung besuchen, daran auch aktiv beteiligt. Je größer die Teilnehmerzahl, desto geringer die Hemmschwelle, mal eben auf dem Handy nach neuen WhatsApp-Nachrichten zu schauen, oder auf dem Tablet Candy-Crush zu spielen. Dass zwang-bedingte, Teilnehmerzahlen auf diese Situation einen positiven Einfluss haben, halten wir für unwahrscheinlich.

Eine Anekdote von Michael: Meine Vorlesung zur Einführung in die physische Geographie fand in einem Raum mit 400 Plätzen statt. 600 Leute waren gemeldet, ca. 300 hatten Anwesenheitspflicht, folglich waren um die 250 Personen im Saal. Davon waren 220 mit Laptop und Tablet anderweitig beschäftigt. In den hinteren Reihen wurden sogar LAN-Partys abgehalten. 30 Leute waren nicht elektronisch beschäftigt, maximal zehn folgten aktiv der Veranstaltung. Alle Dozenten waren von diesem Bild genervt, einzig einer, der die Anwesenheit mit Ansage nicht kontrollierte, konnte entspannt die ersten beiden Reihen unterrichten.

Ein weiterer Faktor ist die Sitzplatz-Kapazität in Hörsälen. Viele Studierende werden das klassische Bild der überrannten Erstsemester-Vorlesungen vermutlich noch im Kopf haben. Die meisten Universitäten bieten besonders in den ersten Semestern, welche naturbedingt die größten Studierendenzahlen aufweisen, teilweise nicht genug Sitzplätze. Und selbst wenn hier die maximale Kapazität ausreicht, bilden sich Situationen wie in Michaels Beispiel.

Die Seite Seite der Studierenden

Wie viele Studierende der höheren Semester bereits wissen, ebbt der große Andrang des ersten Semesters relativ schnell ab. Und hier beginnt auch der interessantere Teil des Studiums. Die ersten Klausuren haben gesiebt, der Dozent steht vor gelichteten Reihen und oft auch nicht mehr vor namenlosen Gesichtern. Die geringere Anzahl der Beisitzer macht die Veranstaltungen interaktiver, da der Dozent die Zeit hat, zwischendurch auf einzelne Fragen einzugehen oder Diskussionen geführt werden können. Führt man die Anwesenheitspflicht ein, holt man die Desinteressierten zurück in die Veranstaltung. Und nur weil die Studierenden prinzipiell “erwachsen” sind, kann man nicht davon ausgehen, dass man durch eine Anwesenheitspflicht andere Ergebnisse erzielt als in einem Schul-Klassenraum.

Ein weiterer Punkt, der uns eigentlich am meisten bewegt, ist, dass man engagierten Studierenden, welche neben dem Studium andere Tätigkeiten ausführen, Steine in den Weg legt. Beispielsweise Mütter oder Väter, die viel Freizeit opfern, um weiter am Ball zu bleiben. Viele sind auch berufstätig oder müssen Nebenjobs nachgehen, um sich das Studium überhaupt finanzieren zu können. Genau solche Menschen sind es, die diese Regelung am härtesten trifft. Nicht den verwöhnten Jura-Schnösel, der sich jetzt leider wirklich mit seinem Studium auseinandersetzen muss.

Nicht zuletzt geht mit der Anwesenheitspflicht ein wesentlicher Charakterzug des Studiums und des Erwachsener-Werdens einher: Selbstdisziplin zu lernen. Wer nach der Schule direkt das Studium beginnt, und diesmal vom Dozenten statt vom Lehrer an die Hand genommen, wird hat keinerlei Chance, auch mal ordentlich auf die Nase zu fallen. Und das ist unserer Meinung nach ein wichtiger Teil des Studiums: Durch eine Klausur zu fallen oder eine schlechte Note zu bekommen um zu merken, dass man sich mehr ins Zeug legen muss, wenn man etwas schaffen möchte. Und das ohne Kontrolleinheit, die einem im Nacken sitzt. Also was wäre ein Studium mehr als eine Fortsetzung der Schule, wenn man die Anwesenheitspflicht wieder einführt?

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Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Patrick Schuster

Schönen guten Abend meine Damen und Herren, ich bin Patrick und mittlerweile seit ein paar Jahren im seitenwaelzer.de-Team. Ich bin aktives Mitglied unseres Spontan-Spontan-Podcasts und schreibe sonst viel im Bereich Technik und Innovation.

Michael Cremann

Ist meist dort zu finden wo die laute Musik für andere klingt wie ein Autounfall. Hängt an der Tanke herum oder gibt Führungen durch Münsters Ruine Nummer eins. Dazu wird noch getanzt und wenn dann noch Zeit ist, Geschichte und Archäologie studiert.

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2 Antworten zu “Präsenzpflicht an Hochschulen – Die Kehrseite”

  1. Und gerade weil ihr vom Extremfall ausgeht, ist der Kommentar völlig überflüssig.
    Wer immer nur das Schlimmste erwartet kriegt auch nur Mist.

    Es geht, laut schwarz-gelb, um das Senken der Hürden für eine Anwesenheitspflicht bei Seminaren. Nicht mehr.
    Deswegen finde ich dieses Theater einfach nur bescheuert. Gerade Seminare sind die Lehrveranstaltungsform, die am meisten von Mitarbeit lebt. Wer nicht da ist, kann nicht mitmachen… Und bei uns steht als Studienleistung auch gerne mal „aktive Teilnahme“ drin. Was würde sich daher ändern? Einfach rein gar nichts!

    Mit diesem Theater machen sich die „Experten“ und die Studierendenschaft nur unglaubwürdig. Das finde ich extrem schade.

  2. Es hieß doch mal „Freiheit der Lehre“. Unter dem Grundsatz leben die Studenten und auch Professoren. Das benötigte Wissen zur Bestehung einer Prüfung kann man andersweitig, frei nach seinen eigenen Lehrmethoden, erwerben. Nicht-Anwesenheit von Studenten hat in vielen Fällen nichts mit Faulheit zu tun, sondern hat den einfachen Grund, dass der Prof. den Stoff nicht vermitteln kann.

    Auf diese Weise nimmt man den Studenten also “ die Freiheit der Lehre „. Folglich müsste die Politik an eine Standardisierung des Lehrinhalts der Professoren ran. Aber soweit wird dann nicht gedacht. Einfacher ist es die Studenten alle über einen Kamm zu scheren. Arme Politik.

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