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Anlässlich des neuen Jahres und vieler guter Vorsätze möchte ich mit euch über Werte sprechen – keine Werte wie „Nächstenliebe“ oder „ gute Tugenden“, sondern ganz harte, materielle Werte; über Geld genauer gesagt. Wenn man durch die größeren Städte der Welt in der Vor- und Nachweihnachtszeit streift, fällt auf, wie unterschiedlich wichtig den Menschen bestimmte Dinge doch sind: Hier sind die Einen, die nagelneue Stereoanlagen für Hunderte von Euros aus den Läden schleppen und dort die Anderen, die zehn Minuten vor einem Buch stehen, bevor sie sich doch für die Taschenbuchausgabe entscheiden, die fünf Euro günstiger ist. Von den Obdachlosen auf der Straße einmal ganz zu schweigen: „Geld für Essen“ steht auf den Schildern und die Flut der Geschenkejäger brandet um sie herum.
| Robin Thier |

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Anlässlich des neuen Jahres und vieler guter Vorsätze möchte ich mit euch über Werte sprechen – keine Werte wie „Nächstenliebe“ oder „ gute Tugenden“, sondern ganz harte, materielle Werte; über Geld genauer gesagt. Wenn man durch die größeren Städte der Welt in der Vor- und Nachweihnachtszeit streift, fällt auf, wie unterschiedlich wichtig den Menschen bestimmte Dinge doch sind: Hier sind die Einen, die nagelneue Stereoanlagen für Hunderte von Euros aus den Läden schleppen und dort die Anderen, die zehn Minuten vor einem Buch stehen, bevor sie sich doch für die Taschenbuchausgabe entscheiden, die fünf Euro günstiger ist. Von den Obdachlosen auf der Straße einmal ganz zu schweigen: „Geld für Essen“ steht auf den Schildern und die Flut der Geschenkejäger brandet um sie herum.

Das brachte mich zum Nachdenken. Zum Nachdenken über die Frage, was für Dinge denn eigentlich Wert haben und bei welchen Dingen man lange überlegt, bevor man sie sich kauft. In der Uni lernen wir, dass etwas niemals zu teuer oder zu billig sei, da der Kunde den Preis bestimmt: Wenn er nicht bereit ist, etwas für einen Preis zu bezahlen, na dann kauft er es eben nicht – oder macht ein neues Angebot mit einem niedrigeren Preis. Meine Frage müsste also eigentlich lauten „für was sind wir bereit einen hohen Preis zu zahlen und für was nicht?“.

Um diese Frage zu beantworten habe ich rückwärts angefangen und mich einmal umgesehen, was denn so wenig Wert zu haben scheint, dass man kein Geld dafür ausgeben möchte. Die Antwort: digitale Medien ohne Datenträger. Nirgendwo sonst ist die Kluft zwischen der Kauffreude und Bereitschaft zu zahlen größer. Während z.B. Filme auf DVD oder Blu-Ray in den Läden für etwa 10-15€ gehandelt werden, kommen digitale Downloads zu etwa 8-10€ vergleichsweise günstig davon. Dennoch halten sich die Verkaufszahlen in Grenzen. Aber wenn es die Möglichkeiten gibt – und glaubt mir, sie sind vielfältig – Filme umsonst und das auch noch in guter Qualität zu schauen, dann schießen die Nutzerzahlen in die Höhe. Der Hollywood-Film „The Wolf of Wall Street“ wurde 30,035 Millionen Mal illegal heruntergeladen. Von der großen Streaming-Dunkelziffer ganz zu schweigen. Ein anderes Beispiel: Die Serie „Game of Thrones“ wurde im Jahr 2014 8.100.000 Mal heruntergeladen, hatte jedoch in den USA nur etwas über 7 Millionen offizielle Zuschauer.

Also sind uns die Filme etwa nichts wert? Ich denke so einfach ist es nicht. Denn für eine Kinokarte muss man inzwischen je nach Film und Aufschlag bis zu 15€ hinblättern – und nimmt dies auch in Kauf. Außerdem gibt es die DVD schließlich auch noch. Aber es scheint fast, als könne ein Datenträger den Unterschied machen, ob man bereit ist über 10€ zu zahlen, oder sogar 2€ für einen Filmstream schon zu viel sind. Möglicherweise ist es die Verlustangst, dass man eine Datei einfach nicht „in der Hand“ hat und die Gefahr besteht, sie einfach zu löschen? Vielleicht ist diese Haltung auch ein Überbleibsel der im-Internet-ist-alles-kostenlos-Auffassung, die Dateien, sei es Musik, Film oder Software, keinen Wert zuspricht. Oder es handelt sich um die Tatsache, dass man mit wenigen Klicks alles haben kann und die Inhalte immer in greifbarer Nähe kostenlos verfügbar sind? Wie dem auch sei, nicht vergessen darf man jedoch, dass es um den Film geht, nicht das Medium – den Film, der in der Produktion nicht wesentlich mehr gekostet hat, ob man ihn nun auf DVD besitzt, oder als Filmdatei – oder ihn im Internet streamt. So teuer ist die Herstellung der DVD-Scheibe nicht.

„Wo liegt dann das Problem?“, könnte man fragen, „Sollen doch die einen Leute DVDs kaufen und alle anderen den Film kostenlos im Netz schauen“. Zugegeben, ein großes Hollywoodstudio steckt den Verlust einiger Millionen zahlender Kunden noch gut weg, aber wenn es um kleinere Produktionen geht (egal, ob aus dem Bereich Film, Musik, oder Software-Entwicklung) kann das kleine Problem schnell zu einem großen Problem werden, denn manchmal vergessen wir, dass es sich bei alledem um Zeit und Arbeitskraft handelt. Bleiben wir bei dem Beispiel „Software“. Das Unternehmen „Adobe Systems“ ist eines der Unternehmen, mit den meisten Raubkopien. Das liegt unter anderem daran, dass der Preis für die Software, zum Beispiel Adobe Photoshop mit über 1.700€, enorm hoch und für Privatanwender kaum tragbar ist. Man muss allerdings auch sehen, dass das Programm enorm viel kann, extrem komplex ist und die Firma mehr als 11.000 Mitarbeiter hat. Außerdem verdienen viele Designer und Grafiker ihr Geld mit der Software – und trotzdem hat man ein komisches Gefühl, wenn man so viel Geld für eine Software ausgibt, die man nicht anfassen kann und bei der man ja nie weiß, ob nicht irgendwann der Download nicht mehr funktioniert, weil die Server abgestürzt sind, oder die Installation aufgrund zerkratzter DVDs nicht funktioniert.

Neuerdings ist Adobe auf ein Abo-Modell umgestiegen, mit dem man die Nutzung aller Programme für etwa 25€ im Monat kauft, was unter anderem die Raubkopie verhindern soll. Aber man stelle sich einmal vor: Da nimmt man seinen Rechner vom Internet, kann die Software nicht, wie geplant, einmal im Monat aktualisieren und mit einem Mal kann man seine Dateien nicht mehr öffnen und sitzt sozusagen auf dem Trockenen. Der Albtraum eines jeden, der damit arbeitet – denn man hat ja immerhin eine Menge Geld dafür bezahlt. Um hier einen Strich zu ziehen: Tatsächlich ist vielen Menschen eine so teure Software nichts Wert, aber diejenigen, die damit arbeiten müssen sind gezwungen zu zahlen, dennoch hat man irgendwie ein schlechtes Gefühl sein Geld für, salopp gesagt, ein paar tausend Zeilen Programmcode auszugeben.

Aber lasst uns die eigentliche Frage dieses Artikels nicht aus den Augen verlieren: Was besitzt einen Wert und wofür ist man bereit einen hohen Preis zu zahlen? Wir haben ja schon bemerkt, dass es ein stark subjektives Element gibt, das heißt, etwas kann für jemanden einen hohen Wert haben, für andere Leute aber keinen Wert besitzen – das wird jeder Sammler bestätigen können, wenn zum Beispiel horrende Summen für eine seltene Briefmarke gezahlt werden, die der Rest der Welt nicht einmal von der Straße aufgehoben hätte. Trotzdem bin ich der Ansicht, wie der ein, oder andere vielleicht schon herauslesen konnte, dass die kostenlos-Stimmung aus dem Internet uns prägt und man, gerade in der Unterhaltungsindustrie erst einmal nach Möglichkeiten sucht, die Inhalte kostenlos zu bekommen. Der erste Impuls, wenn man einen guten Song hört ist ja oft nicht, ihn für einen Euro als .mp3 zu kaufen, sondern ihn vielmehr auf YouTube zu suchen, dort zu hören, oder gar herunterzuladen. Vor einigen Jahren war das zwar auch möglich, durch das Kopieren von CDs oder das Überspielen von Kassetten – denn eigentlich möchte ja kein Mensch wirklich sein Geld ausgeben – aber wenn man die Vorgänge mit den heutigen Möglichkeiten vergleicht, waren sie damals kaum erwähnenswert. Es geht mir nicht darum zu verurteilen, denn ich erlebe diesen Impuls selbst oft genug, sondern darüber nachzudenken, ob nicht doch ein gewisser Wert in der Sache steckt.

In einer interessanten Kolumne auf Spiegel-Online wird auf den Satz „Dafür würde ich sogar bezahlen“ hingewiesen, wie er unter so vielen Apps steht. Manchmal scheinen wir doch darüber nachzudenken, dass etwas Gutes es verdient, dass man dafür zahlt – welch interessante Feststellung in einer eher kapitalistischen Gesellschaft. Natürlich wissen (Internet-)Firmen längst, wie es um unsere Einstellung zum Kauf von Dingen steht. Kein Wunder also, dass der Internet mit kostenlos-Angeboten überschwemmt wird, die jedoch nach einiger Zeit in kostenpflichtige Abos umschlagen. Dies ist eine Masche, mit der das Gefühl einer Umsonstkultur erhalten bleibt, in Wahrheit aber früher oder später doch gezahlt werden muss. Und hier kommt der zweite Marketing-Gag ins Spiel: Es werden minimale Preise gezahlt. Die beliebte Messenger-App „WhatsApp“ kostet pro Jahr einen läppischen Euro, was ja fast kostenlos ist, oder? Eine andere Zahl: WhatsApp hat über 700 Millionen aktive Nutzer. Sprich es spielt, ohne die Nutzung kommerzieller Werbung, allein dieselbe Summe ein – und das jedes Jahr, ohne, dass das Unternehmen „Facebook“, das seit 2014 hinter der App steht, dafür viel machen müsste. Soviel zum Thema „Umsonstkultur“.

Wir zahlen eben nicht mehr wirklich freiwillig für die Dinge, die es aus unserer Sicht vielleicht sogar Wert wären, bezahlt zu werden. Sonst wäre wohl die Idee hinter „Flattr“, ein Geschäftsmodell, bei dem der Internetnutzer selbst entscheiden sollte, wie viel er für Inhalte im Internet zahlen möchte, nicht gescheitert.

Lasst mich nach diesem langen Artikel, der wohl ohne eine befriedigende Lösung bleiben wird, ein letztes Beispiel bringen, wie sich der Unwille für Dinge zu zahlen auch in die nicht-virtuelle Welt trägt: Am Bahnhof sah ich neulich, wie ein Straßenmusiker Lieder auf seiner Gitarre spielte. Den Menschen, die auf ihren Bus warteten schien die Musik zu gefallen: Einige wippten mit dem Kopf, andere genossen sichtlich die Unterhaltung und einige Leute tanzten fast. Sie wurden auf diese Art mindestens eine Viertelstunde lang unterhalten und genau drei Personen haben in dieser Zeit etwas Kleingeld in den Gitarrenkoffer des Musikers geworfen – alle anderen haben auf ihren Handys, die sie alle zwei Jahre für 800€ neu kaufen herumgetippt und sich gefreut über die kostenlose Musik.

Ich hoffe dieser kostenlose Premium-Beitrag hat euch gefallen. Die Premium-Beiträge gibt es für nur 99ct im Monat, der erste Monat ist kostenlos. Raubkopierte Beiträge werden strafrechtlich verfolgt. Amen.

 

Anmerkung: Alle, die den Artikel nicht gelesen haben und nur über den letzten Satz gestolpert sind (ist schon vorgekommen), die sollen darauf hingewiesen werden, dass er ironisch gemeint ist und seitenwaelzer.de natürlich kostenlos bleiben wird!

__________________
Quellen:
http://www.moviepilot.de/news/top-20-der-illegalen-film-downloads-im-jahr-2014-141476
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-iphone-amazon-und-umsonstkultur-im-internet-a-993651.html
https://de.wikipedia.org/wiki/WhatsApp
http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/technischer_umweltschutz/140409_bund_technischer_umweltschutz_ressourcenschutz_broschuere.pdf

 

Titelbild: Verändert nach “Generic Payment Credit Сard” von Yuri Samoilov (https://www.flickr.com/photos/110751683@N02/13639280834/)

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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