Tatsächlich gelesen: Die Odyssee (Homer)
Kann ein mehrere Jahrtausende altes Buch ein zeitloser Klassiker sein? Sandra Hein beschäftigt sich in ihrer Rezension mit genau dieser Frage.
Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten
Sandra Hein | seitenwaelzer.deIch bin dem Hype erlegen, ich geb’s ja zu. Schon die Veröffentlichung des Trailers sorgte für Furore und auch nach einem Monat Kinovorführungen wird die Verfilmung des epischen Klassikers der „Odyssee“ zum Politikum. Ob die Umsetzung des preisgekrönten Regisseurs Christopher Nolan gelungen ist, möchte ich hier nicht beurteilen. Neugierig auf den Ursprung der Debatten wendete ich mich in den letzten Wochen dem Originalstoff zu. Gerade bei vielen dieser hochgepriesenen, irgendwie seit jeher zum Bildungskanon gehörenden Klassiker stelle ich mir kritisch die Frage: Wie aktuell ist das Ganze wirklich noch? Und vor allem: Ist es tatsächlich so zeitlos, dass es mich im Heute berühren kann? Kommt mit mir also auf eine Odyssee der Lesegefühle!
Aller Anfang ist schwer oder die Qual der Wahl
Bei ehrlicher Betrachtung hatte ich mir die Situation wesentlich einfacher vorgestellt: Nach etwa eineinhalb Stunden im Thalia ergriff ich frustriert das letzte von zahlreichen Exemplaren, die sich vor mir stapelten. Das Leseabenteuer startet bei diesem Werk nämlich schon mit der Wahl der Ausgabe. Es existieren zig Varianten ein und desselben Stoffes (und damit meine ich nicht wunderschöne Prachtexemplare mit Farbschnitt), nein, ich meine die Wahl der Übersetzung. Und da Obacht: Die Wahl dieser ist mitunter das Wichtigste vor dem eigentlichen Leseprozess. Der Grund: Das Original, dessen älteste uns erhaltene Abschriften aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. aus Ionien (Griechenland) stammen, entstand wahrscheinlich als mündlich-tradierte Heldensage. So einig sind sich da die Altphilologen nicht – ebenso wie in vielen anderen Fragen das Werk betreffend. Beispielsweise in puncto Autorenschaft: Obgleich der Name Homer sich unwiderruflich als DER Dichter des Epos ins Gedächtnis des Abendlandes eingebrannt hat – so ganz sicher, ob jener das 12.110 Hexameterverse umfassende Werk tatsächlich verfasste (sofern es ihn überhaupt gab) sind sich die Forschenden nicht. Je mehr ich mich über die „Odyssee“ einlas, desto mehr wurde mir klar, dass diese das Werk umgebenden Mysterien es gerade so einzigartig machen. So weit so gut: Ich verließ den Laden mit einer Ausgabe von Kurt Steinmann. Mein Leseeindruck begann also bereits vor Verlassen des Ladens. Erstaunt hatte mich, wie viele Übersetzungsvarianten ein und desselben altgriechischen Grundtextes möglich waren: Ich hatte zur letztlichen Auswahl jeweils die erste Seite von zehn Ausgaben nebeneinanderliegend verglichen.
Der Lesefluss: Vergleichbar mit den totbringenden Strudeln der Charybdis
„Puh“-Stöhnen und gelangweiltes Dreinblicken war wohl der Zustand, in dem mich meine Eltern bei der Lektüre des Werkes wohl am meisten antrafen. Während der Hauptteil, in meiner Ausgabe erst ab Seite 124, die Irrfahrt des Odysseus wirklich interessant ist, quälte ich mich durch den Anfang (für Schlauberger: die sogenannte „Telemachie“) und blieb nach Abschluss und Beendigung der letzten Kapitel (der sogenannten „Mnesterophonia“) schockiert im Sessel zurück. Während ich zu Beginn also nur schwerlich in die Geschichte stolperte und genauso verirrt und planlos wie Odysseus dabei blieb, klappte ich im vergleichbaren Zustand wie jener das Werk zu: voller Tatendrang.
Zur Sprache: Ohne Worte
Dieser Artikel fällt mir im Gegensatz zu den vorherigen wirklich schwer: Mittlerweile würde ich von mir behaupten, durch die „Tatsächlich gelesen“-Reihe geübt im Umgang mit „harter Literaturkost“ zu sein. Viele Klassiker entpuppten sich bisher als grandiose Meisterwerke oder zumindest als machbare Lektüre. Dieses Werk kostete mich jedoch viel Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen – und noch einmal werde ich es höchstwahrscheinlich nicht lesen. Doch was, frage ich hier inmitten des Schreibprozesses, machte das Lesen letztlich so schwer? Vielleicht das Alter des Werkes – schließlich hat es unglaubliche 29 Jahrhunderte auf dem Buckel. Vielleicht auch die sorgfältige Wahl der Übersetzung – normalerweise lese ich im Original, hier musste ich passen. Der Eindruck, den ich bereits im Laden gewonnen hatte, dass eine Übersetzung ins heutige Deutsch schwierig ist, verstärkte sich bei vielfältigen Passagen. Subtil erhaschte mich dieses Gefühl bei so einigen Sätzen, denen irgendwie Glanz und Poesie fehlte – ursprünglich ist das Werk ja auch ein, idealerweise vorgetragen, 24 Gesänge umfassendes Stück. Meine Ausgabe, da hatte ich Wert drauf gelegt, kam dem immerhin recht – aber eben nicht ganz – nahe: In Versform und eher lyrisch als prosaisch geschrieben, hatte ich den Eindruck, im Theater zu sitzen. Gerade das Gefühl, wie durch eine leicht angeschlagene Glasscheibe auf den eigentlichen sprachlichen Kern zu schauen, hatte ich bisher noch nie. Die griechische Sprache, so vermute ich laienhaft auf Basis meiner Archäologiekenntnisse, beherbergt viel Subtext und Doppeldeutigkeiten, die schwerlich übertragbar sind.
Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es
abtrieb vom Wege, seit Trojas heilige Burg er verheerte.
Vieler Menschen Städte sah er und lernte ihr Denken
kennen und litt auf dem Meer viel Qual in seinem Gemüte,
trachtend, sein Leben zu sichern und seinen Gefährten die Heimkehr.
Homer (?): Die Odyssee. Erster Gesang, Vers 1, 5. Ausgabe, übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann, 6. Aufl., München 2007
Um mal obigen Auszug als Beispiel zu nehmen: Was versteht man denn unter „wandlungsreich“? In verständnisvollerem Deutsch müsste man hier ganze Erklärzeilen einfügen, die das Werk doppelt so lang würden ließen: geschickt, erfahren, ausgestattet mit diversen Fähigkeiten und so weiter. In manchen Übersetzungen liest man hier auch von „listig“, was ich allerdings als zu wertend empfinde.
Zur Handlung der Geschichte
Aufgrund dieses Umstandes kann man beinahe sagen, jeder liest irgendwie eine andere Art der Odyssee. Dies ist, nur nebenbei, auch einer der Knackpunkte, warum Nolans Werk von Althistorikern und Philologen teils so kritisiert wird – er kreierte den Film auf Basis einer sehr tendenziösen und extrem modernen englischen Übersetzung.
Neben all diesen sprachlichen Kleinigkeiten noch kurz ein Schwenk zur Thematik des Werkes: Circe, die Männer in Schweine verwandelt, der einäugige Polyphem oder die Menschen mittels Gesang in den Tod lockenden Sirenen – all dies ist natürlich Kern der Odyssee. Ein antikes Märchen, so möchte ich es nennen, über den Versuch eines Mannes, in seine Heimat zurückzukehren: Geschunden nach dem Trojanischen Krieg lädt sich Odysseus, griechischer Held und Hauptperson, den Zorn der Götter auf. So erlebt und trifft er auf abenteuerlichen Wegen Meeresungeheuer und betritt gar die Totenwelt. Und das alles nur mit dem Ziel, nach Hause, nach Ithaka, in sein Königreich zurückzukehren, wo derweil sein nun erwachsener Sohn sich ebenfalls aufmacht, nach ihm zu suchen. Die Handlung wird nicht strikt nacheinander erzählt und so taucht man wie in einem modernen Roman direkt in die Handlung ein und versucht während des Laufes der Geschichte die Vorgeschichte zu entschlüsseln. Dabei gibt es immer wieder Rückblenden, Parallelhandlungen und Voraussagen.
Das Leseerlebnis: Eine individuelle Irrfahrt
Individuelle Irrfahrt nenne ich das Leseerlebnis auch, weil jeder die Handlungen des sogenannten Helden anders einordnet. Während Odysseus, so ließ ich mir sagen, im neuen Kinofilm traumatisiert mit dem Krieg hadert, ist im Werk davon rein gar nichts zu lesen. Krieg ist notwendig und Tod allgegenwärtig – einzig die Ehre wird emotional betrauert. Während viele Passagen absolut nicht mehr aktuell sind und uns beim Lesen, so erging es mir zumindest, aufstoßen lassen (Stichwort: Umgang mit Frauen, Sklaverei per se, Mord als Mittel der Bestrafung), waren andere überraschend modern. So betrauern Söhne und Väter ihre verschollenen Verwandten hemmungslos weinend und gelten damit – im Gegensatz zu heute – nicht als verweichlicht, sondern ehrenhaft. Komisch und geradezu realitätsnah sind Szenen wie solche, in denen beispielsweise der junge Telemachos durch die Göttin Athene auf die Spur gebracht wird: Als er beginnt, sich selbst allzu sehr zu bedauern, hält sie ihm eine beispiellose Standpauke, er solle sich für sich selbst endlich proaktiv engagieren. Klingt nach einem Gespräch, das man so auch mit Eltern, Verwandten oder Freundinnen haben könnte?
Altes und Neues oder die Frage nach einem zeitlosen Klassiker
Egal, wie buchgetreu die neue Verfilmung nun sein mag – eines hat sie geschafft: Interesse zu wecken an einem Werk, das unter seiner altphilologischen Staubschicht durch seine weiterhin aktuellen Themen, Narrative und Charaktere in die Geschichte eingegangen ist. Schon in römischer Zeit zum Bildungskanon gehörend, schlägt sich seine Rezeption bis heute in der bildenden Kunst, Musik und Literatur nieder. Beispielsweise benannte der irische Autor James Joyce sein ebenfalls renommiertes Werk „Ulysses“ (1922) nach hiesigem Helden.
Die „Odysee“ hat mich nur indirekt emotional mitgenommen: Während ich bei Werken von Charles Dickens oder Jules Verne direkt in das Innenleben der Charaktere eintauche, bleiben hier die Protagonisten oft gottgleiche Helden und damit unnahbar. Ferner ist die Sprache sehr weit von den heutigen Lesegewohnheiten entfernt und damit ebenso wenig zugänglich. Aber Namen und Bezeichnungen wie beispielsweise Sirenen, Troja, Agamemnon und Iphigenie, die man mal irgendwo vernommen hat, nun wiederzuentdecken und zuordnen zu können – das begeistert. Parallel habe ich sogar angefangen, mir Karten der Reiseroute des Helden anzuschauen und wie im Schulunterricht einen Familien- beziehungsweise Personenstammbaum zu malen.
Ich empfehle: Leiht euch ein Buch aus, setzt euch ein bisschen hin und blättert. Ob nun das ganze Werk in seiner Gesamtheit oder nur ein Teil: Einzutauchen in eine für uns einerseits fremde neue wie andererseits durch die Popkultur altbekannte Welt birgt einen eigenen Zauber. Obgleich die allermeisten mit obig genannten Ungeheuern nur wenig anfangen können – den genauen Kontext hinter den Figuren zu erfahren, ist ungemein lehrsam. Und ja, obgleich es an vielerlei Stellen erscheint, man würde sich ebenso wie Odysseus durchkämpfen – man wird am Ende mit dem Wissen belohnt, gerade einen großen Happen abendländischer Kulturgeschichte eingenommen zu haben.
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Sandra Hein
Liebt und lebt ihr Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie samt all seinen Klischees. Dazu gehört selbstverständlich Frida Kahlo und Vincent van Gogh als seine besten Freunde zu betrachten und sich in Pompeji ohne Stadtplan problemlos zurechtzufinden ;) Als kleiner Bücherdrache ernährt sie sich hauptsächlich von Abenteuern aus den Jules-Verne-Romanen oder alten schwarz-Weiß-Krimis und möchte als neue olympischen Sportart einen Besuchs-Marathon durch alle europäischen Museen vorschlagen. Sollte der Traumjob Kuratorin nicht in Erfüllung gehen, sieht sie sich als Geist in einem schottischen Castle. Freund*innen munkeln, dass sie wahrscheinlich mehr schwarzen Ostfriesentee als Blut im Körper besitzt…
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