Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: A Christmas Carol (Charles Dickens)

Es lohnt sich, die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens im Original zu lesen.
| Sandra Hein |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Ylanite Koppens | Pexels

Kennt ihr dieses Phänomen? Das Gefühl nach dem Nach-Hause-Kommen, sich seiner vom Schneeregen nassen Klamotten entledigen und dann mit einem heißen, duftendem Kaffee bewaffnet – natürlich eine Kerze im Hintergrund glühend – nach einem passenden Schmöker zu suchen? Wer nicht suchen will, den findet hoffentlich dieser Artikel mit dem Tipp: Lest Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte und wagt euch vielleicht sogar an das altenglische Original von 1843!

Zugegeben: Dickens‘ Weihnachtsgeschichte ist kein wirklicher Geheimtipp. Man kommt in der Weihnachtszeit kaum an den vielfältigen Spielfilmversionen der „Gespenstergeschichte mit weihnachtlichem Einschlag“ vorbei. Dennoch: Mich hat die Lektüre trotz meiner Film-Vorkenntnisse die Handlung betreffend beeindruckt. Dickens schreibt einzigartig und unvergleichlich. Der Inhalt lässt sich kurz in Worte fassen: Ebenezer Scrooge ist ein vermögender Bankier höheren Alters, der trotz oder gerade wegen seines Reichtums ein unbarmherziger Misanthrop ist. Im nebligen London zur Weihnachtszeit spielend, zählt er selbst bei eisiger Kälte die Kohlen seiner Angestellten.

„Scrooge! A squeezing, wrenching, grasping, scraping, clutching, covetous old sinner! Hard and sharp as a flint from which no steel had ever struck out generous fire, secret, and self contained, and solitary as an oyster.“

Charles Dickens: A Christmas Carol (1843), S. 2

Das Fest der (Nächsten-)Liebe, Weihnachten, ist in seinen eigenen Worten: Humbug. Die Geschichte erzählt, wie Scrooge am siebten Todestag (kurz vor Weihnachten) seines ebenso herzlosen Teilhabers Marley von jenem heimgesucht wird. Der Geist, in Ketten gebunden und als Strafe für seine Kaltblütigkeit zu Lebzeiten dazu verdammt, ewig auf Erden zu wandeln, verkündet ihm das Kommen dreier Gestalten. Diese sind die Hüter Weihnachtens und der damit verbundenen christlichen Werte: Im Englischen als Ghost of the Christmas Present, The Christmas Past and The Christmas Yet-to Come (dt. Geist der Jetzigen, der Vergangenen und der Zukünftigen Weihnacht) bezeichnet, sind sie Scrooges letzte Chance, einem ähnlichen Schicksal wie Marley zu entgehen. Obwohl Scrooge zu Beginn bis ins Letzte als unsympathischer, ja beinahe verabscheuenswerter Geschäftsmann geschildert wird, der so eiskalt agiert, dass es einen schüttelt, schafft es Dickens sogar, Interesse und Mitgefühl für diesen einsamen Menschen aufkeimen zu lassen.

„External heat and cold had little influence on Scrooge. No warmth could warm, no wintry weather chill him.“

Charles Dickens: A Christmas Carol (1843), S. 3

Die Gespenster führen Scrooge einerseits seine einsame Kindheit, die zerbrochene Liebe und seine Gesellenzeit wieder vor Augen, andererseits werden ihm nahestehende Personen wie sein Angestellter Bob Cratchett und dessen Familie sowie sein Neffe Weihnachten feiernd gezeigt. All diesen Menschen hatte er trotz ihres stets zuvorkommenden Verhaltens ihm gegenüber nie Beachtung geschenkt. Die Personen wachsen ihm ans Herz und er beginnt wieder Emotionen zu entwickeln. Bereits bei der Erscheinung des dritten Geistes ist er so verändert, dass er diesem sogar einen herzlichen Dank ausspricht. Was Entsetzliches zukünftig passieren könnte, wenn er sich nicht ändert, erlebt er hautnah: Menschen, deren Leben in seinen Händen liegen, würden sterben. Besonders beklemmend ist die Passage, in der er die Reaktion der Menschen gezeigt bekommt, die nach seinem Ableben frohlocken, da sie nun nicht mehr von Geldsorgen geplagt in prekären Umständen leben müssen. Letztlich wacht Scrooge vollkommen ausgewechselt auf.

„Best and happiest of all, the Time before him was his own […]. I will live in the Past, the Present and the Future. […] Heaven, and the Christmas Time will be praised for this! I say it on my knees […].“

Charles Dickens: A Christmas Carol (1843), S. 116

Das „Märchen“ schließt nach drei Akten mit einem Happy End. Scrooge beginnt von nun an ein neues, den Mitmenschen zugewandteres Leben zu führen, sein Leben und seine Wirkmacht erstens wertzuschätzen und zweitens positiv einzusetzen.

Viele der den Figuren in den Mund gelegten Sätze sind auch heute noch so tiefgründig und spruchreich, dass man sie mehrmals lesen sollte oder gar muss, um sie wirklich zu begreifen. Dickens‘ mit Bedacht gewählte Worte sind simpel und bleiben dennoch niemals oberflächlich. Die Figuren sprechen teils mit Dialekt, teils mit hochgestochenem Upper Class-English. Das Werk besticht damit nicht nur durch die Handlung, sondern bietet insbesondere auch auf sprachlich Ebene Lesegenuss.

Ungewöhnlich für mich war die Erfahrung, beim Lesen Wörter nachzuschlagen. Normalerweise versuche ich bei Literatur in der Originalsprache, mich auf das Gefühl der Geschichte einzulassen. Da bei Dickens einige Stellen wie ein Thesaurus für englische Fachbegriffe wirken, hat es mich doch gereizt, jedes Wort wirklich zu begreifen. Einerseits sicherlich aus meiner Unkenntnis alter Englischfloskeln dieser Epoche, andererseits, weil ich hier wirklich den „zweiten Boden“ durchblicken wollte. Denn beim langsamen Lesen fällt die Tiefgründigkeit und Bedeutungen der Satzglieder auf. An dieser Stelle habe ich hoffentlich niemanden abgeschreckt: Dickens Geschichte liest sich trotz des mahnenden Inhalts nicht (!) wie ein sozialkritischer Leitfaden zum guten Benehmen. Die Kurzgeschichte ist – abgesehen von einigen Wörtern – erstaunlich modern und so gut verständlich verfasst, dass ich fest glaube, dass jeder seinen Spaß daran finden kann.

„I don’t mind calling on you to believe that he was ready for a good broad field of strange appearances and that nothing between a baby and a rhinoceros would have astonished him very much.“

Charles Dickens: A Christmas Carol (1843), S. 58

Wenn man den letzten Schliff aus der Lektüre des Romans holen möchte, dann sollte das ein oder andere Wortpaar recherchiert werden. Ich verspreche: Der oder die Leser*in wird definitiv mit weiteren Einblicken in die englische Sprache belohnt. Den Namen Ebenezer als Beispiel nehmend: Dieser bedeutet im Englischen soviel wie stone of help (dt. Stein der Hilfe) und könnte einerseits die Hilfe der drei Geister reflektieren, durch die er zur Erkenntnis erlangt, andererseits auf seine damalige gesellschaftliche Rolle als Geschäftsmann anspielen, der durch sein Geld die Schicksale anderer Menschen lenkt. Besonders witzig zu lesen war die Haltung des Erzählers, der Scrooge sozusagen unsichtbar auf seiner Reise begleitet und alles komödiantisch kommentiert. Dabei spricht er den Leser immer wieder konkret an, schweift ab und entschuldigt sich nachträglich dafür. Man meint hier, Dickens selbst erkennen zu wollen. Dies gibt dem Buch den Anschein der Nacherzählung eines real stattgefundenen Ereignisses. Man erhält ein erstaunliches Geflecht an Anspielungen auf Philosophien, soziales Ideengut und Gesellschaftskritik, die Dickens als Meister der Wortspielereien subtil eingebaut hat.

Eine Anekdote zu guter Letzt: Dickens Werk ist im englischsprachigen Raum ein solcher Klassiker, dass der Name Scrooge als Synonym für Geizhals seinen Weg ins English Dictionary gefunden hat. Für die Comicliebhaber wahrscheinlich bereits bekannt – für alle anderen jedoch noch der Hinweis: Dagobert Duck heißt im Englischen Scrooge McDuck… Schließen möchte ich meine Lobrede auf dieses einprägsame, nachdenklich stimmende Bändchen mit Dickens eigenen letzten Worten des Romans.

„He had no further intercourse with the Spirits but lived upon the Total Abstinence Principle ever afterwards and it was always said of him, that he knew how to keep Christmas well, if any man alive possessed the knowledge. May that be truly said of us, and all of us.“

Charles Dickens: A Christmas Carol (1843), S. 126

Und damit meinerseits: Frohe Weihnachten!

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Sandra Hein

Liebt und lebt ihr Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie samt all seinen Klischees. Dazu gehört selbstverständlich Frida Kahlo und Vincent van Gogh als seine besten Freunde zu betrachten und sich in Pompeji ohne Stadtplan problemlos zurechtzufinden ;) Als kleiner Bücherdrache ernährt sie sich hauptsächlich von Abenteuern aus den Jules-Verne-Romanen oder alten schwarz-Weiß-Krimis und möchte als neue olympischen Sportart einen Besuchs-Marathon durch alle europäischen Museen vorschlagen. Sollte der Traumjob Kuratorin nicht in Erfüllung gehen, sieht sie sich als Geist in einem schottischen Castle. Freund*innen munkeln, dass sie wahrscheinlich mehr schwarzen Ostfriesentee als Blut im Körper besitzt…

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