Buchkritik / Kultur

Alles schon entdeckt?

Wo liegt der Unterschied zwischen Romanen, besonders aus den Bereichen Science-Fiction und Fantasy, die vor mindestens 50 Jahren verfasst, und denen, welche in den letzten Jahren geschrieben wurden? Vielleicht ist die Sprache moderner und die Themen sind der Gesellschaft angepasst. Im Besonderen ist es aber etwas anderes:
| Robin Thier |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Wo liegt der Unterschied zwischen Romanen, besonders aus den Bereichen Science-Fiction und Fantasy, die vor mindestens 50 Jahren verfasst, und denen, welche in den letzten Jahren geschrieben wurden? Vielleicht ist die Sprache moderner und die Themen sind der Gesellschaft angepasst. Im Besonderen ist es aber etwas anderes:

Es gibt kaum Abenteuerromane, die den Protagonisten vor ein Rätsel stellen, das er nicht lösen kann und ihn dann, am Ende, auch noch unbefriedigt zurücklassen. Was genau meine ich damit? Ein paar Beispiele:

Die Antarktis hat die Menschen schon immer fasziniert und beeindruckt. Wie mag das Leben in einer so menschenfeindlichen Umgebung möglich sein? Das fragte sich auch H.P.Lovecraft. Aus der Sicht eines Wissenschaftlers erzählt der Autor, der in erster Linie für seine Horrorgeschichten bekannt ist, von einer Expedition in das ewige Eis. Dort sehen sich die Forscher seltsamen Begegnungen gegenüber, inklusive eines unbeschreiblichen Grauens, welches der Protagonist immer wieder erwähnt, es sich jedoch nicht traut niederzuschreiben. Nach und nach stoßen die Männer auf eine uralte Kultur von seltsamen Wesen und entdecken eine ihrer Städte. Sie folgen ihrem Forscherdrang und versuchen diese Wesen zu verstehen, müssen jedoch einsehen, dass es nicht möglich ist. Zuletzt scheitert die Expedition durch jenes Grauen … doch ich will nicht vorweg greifen. Das Interessante ist an dieser Geschichte, dass Lovecraft sich Wesen ausdachte, deren Lebensweise fast nichts mit der Menschlichen gemein hat. Er wirft dem Leser zwar eine ganze Reihe Fakten vor, doch dieser kann damit nichts anfangen und hat schon Probleme sich die Wesen trotz der detaillierten Beschreibung des Autors vorzustellen.

Sehr ähnlich ist ein weiterer Roman zu sehen. Sci-Fi-Urvater Stanislaw Lem verfasste 1957 einen Roman namens „Eden“, der eine nicht sonderlich andere Geschichte erzählt. Einige Wissenschaftler ohne Namen, sie werden nur nach ihren Berufen (der Ingenieur, der Chemiker etc.) benannt, stranden auf einem fremden Planeten und sehen sich dort Aliens und Gerätschaften gegenüber, die sie mit dem menschlich, logisch denkenden Verstand nicht verstehen können. Sie forschen, beobachten, stellen Studien an und überlegen sich Theorien, doch erneut ist die Fantasie des Lesers gefragt. Er muss entscheiden, welche Theorie er annimmt. Auch hier ist das Ende des Romans keinesfalls von Erfolg gekrönt. Diese Art der Erzählung, bei der ein Wissenschaftler oder ein Mensch mit wissenschaftlicher Neugier in ein unentdecktes Gebiet vorstößt und auf Dinge trifft, die er sich nicht erklären kann und die auch bis zum Schluss nicht erklärt werden, fehlt heutzutage fast völlig. Um noch einige weitere Beispiele dieser Textgattung zu nennen, wären da H.G.Wells’ Roman „Die Zeitmaschine“, sowie Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ oder „20.000 Meilen unter dem Meer.“ Zwar versuchen besagte Wissenschaftler das Geheimnis der Kultur bzw. Umgebung, in der sie sich befinden zu ergründen, müssen jedoch aufgrund der schieren Größe dieses Unterfangens aufgeben.

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So visualisierte der russische Künstler Alex Andreyev die Aliens von “Eden” (http://alexandreev.deviantart.com)

In Romanen dieses Genres aus der jüngeren Zeit gibt es andere Ansprüche. Egal, ob es sich um Aliens auf fremden Planeten, mysteriöse Phänomene auf der Erde oder unbekannte Kulturen handelt, fast immer werden diese genauestens beschrieben und, man kann sagen „vermenschlicht“. Als Beispiel sei hier der Roman „Ice Ship“ der Autoren „Preston & Child“ zu nennen. Dieser beginnt sehr aufregend mit einem Meteoriten, angeblich dem größten, der je gefunden wurde, in dessen Gegenwart es zu seltsamen Todesfällen kommt. Anstatt diese Tatsache jedoch einfach so zu lassen, erklärten die beiden Schriftsteller nicht nur, wie es zu den Todesfällen kam, sondern lüfteten auf den letzten Seiten auch noch das „große Geheimnis“ des ganzen. Worum es sich bei dem Meteor letztendlich handelte, dabei bedienten sie sich, ich hoffe ich nehme an dieser Stelle niemandem die Spannung, an einem allseits bekannten Gegenstand. Durch diesen Twist am Ende des Buches, fütterten sie die Gier des Lesers nach etwas Bekanntem und Menschlichen, nach einer Erklärung der ganzen vorangegangenen Handlung. Aber ist das so gut? Was wäre denn, wenn sie am Ende einfach nichts aufgelöst hätten? Wenn man nach der letzten Seite des Romans NICHT wüsste, worum es sich bei dem Meteoriten handelt? Wäre das nicht vielleicht sogar ein Plus für das Ende gewesen?

Manch einer mag nun behaupten, dass der Leser am Ende der Geschichte ein Recht hat zu erfahren, was ihn die ganze Zeit beschäftigte. Ich behaupte das Gegenteil. Sicher ist es in einigen Genres wichtig, ein Ende zu finden. Wenn in einem Krimi der Täter nicht zumindest enttarnt wird, wozu dann die ganze Mühe? Aber auch hier könnte man sagen „wieso? In der Realität wird auch nicht jeder Täter gefunden.“

Ich könnte mir zwei Gründe vorstellen, warum die Romane, gerade im Bereich des fantastischen, derart vermenschlichen und dafür sorgen, dass keine wichtigen Fragen mehr offenbleiben. Zum einen ist die Story dem gegenwärtigen Leser angepasst. Er möchte nicht noch stundenlang später darüber nachdenken, wie das Buch hätte ausgehen können. Stattdessen ist es in seinem Sinn, befriedigt aus der Story des Buches auszusteigen. „Jetzt ist es zu Ende“ sagen zu können und sich vielleicht einem neuen Buch zu widmen. Da sich der Buchmarkt genau diesen Verpflichtungen dem Leser gegenüber anpasst, werden „offene“ Bücher, sofern es sie denn gibt, einfach nur nicht gedruckt. Die zweite Möglichkeit ist die, dass Autoren, die in die Gegenwart hineingeboren wurden, in eine Zeit des Internets, in der einem fast nichts verborgen bleibt, gar nicht auf die Idee kommen, die Geschichte mit einem offenen Ende für den Protagonisten enden zu lassen. Es ist nahezu selbstverständlich für sie, sich Wissen zu beschaffen und nicht vorstellbar, etwas vor sich zu haben, was nichts Menschliches an sich hat.

Welcher Grund auch immer dafür zuständig ist, vielleicht finde ich diese Bücher auch gar nicht – für einen Hinweis in den Kommentaren wäre ich dankbar – Fakt ist: Sie sind gut und ich kann die oben genannten Romane jedem ans Herz legen, der sich auch einmal dafür begeistern kann, die Lösung einer Geschichte nicht auf dem Silbertablett serviert zu bekommen.

 

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Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, studiert in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

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