Allgemein / Ernährung

Fast Food-Freiheit

Ein Selbstversuch
| Nelly Langelüddecke |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Es gehört mittlerweile ja schon zum guten Ton, sogenannte Selbstversuche durchzuführen. Beinahe scheint es, als würde das Leben junger Frauen überhaupt nur noch als Selbstversuch Sinn ergeben. Ein Blick in die nächstgelegene Buchhandlung bestätigt dies. Dort steht schon länger das Standardwerk „Sachen machen: Was ich schon immer mal tun wollte“, in dem die Autorin der Schlachtung eines Schweins innewohnt, das Metal-Festival in Wacken unbeschadet übersteht und auf einer Esoterikmesse den Kopf verliert. Dagegen berichtet das Werk „Magic Cleaning“ – Klang: eindeutig Scientology! – von der angeblichen Erfüllung, die man durch‘s Aufräumen erlangt.

Enthaltsamkeit im Fastfood-System – Die Idee

Die Autorin des vorliegenden Textes, als Studentin unter 25 geradezu verpflichtet, einen Selbstversuch zu wagen, springt auf den Wagen auf: Einen Monat sollte es kein Fast Food geben. Darunter zählt laut Eigendefinition alles, was in Konsistenz, Geschmack und Inhaltsstoffen Pizza, Dönern, Pommes, Burgern und dergleichen ähnelt.

Warum genau ich auf Fast Food verzichten will? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich bin gewiss kein übermäßiger Konsument der besagten Lebensmittel, esse wenig Fleisch, koche gerne frisch und am liebsten mit mindestens einer Gemüsebeilage. Und dennoch merke ich, dass sich kleine Rituale in Richtung des Ungesunden einzuschleichen drohen; vor allem in guter Gesellschaft kommt es gelegentlich vor, dass man sich eine Pizza bestellt oder nach einer durchzechten Nacht Frieden im Dönergenuss sucht. Es geht mir also von Anfang an nicht um einen gesünderen Lebenswandel ohne Fast Food – dafür bin ich von Haus aus schlichtweg zu „clean“ – sondern eher um eine einmonatige Bewusstwerdung meines Essverhaltens in Vorstellung und Realität. Schon zu Beginn des Experiments weiß ich, dass aus diesem Fast-Food-freien Monat gewiss keine Verlustgeschichte inklusive schwerer Entzugserscheinung entstehen wird. Wer also auf eine Selbstgeißelungserfahrung hofft, sollte sich ab diesem Punkt von diesem Text abwenden, um Mandalas zu malen oder Origami-Kraniche zu falten.

Umsetzung und Realität

Im ersten Drittel meiner ganz persönlichen Fastenzeit gerate ich tatsächlich nicht in Versuchung. Wenn ich in meinem stillen Kämmerchen sitze und keiner meiner Freunde mich auf die entsprechende Idee bringen kann, vermisse ich rein gar nichts. Das war zu erwarten, angesichts meines ohnehin geringen Fast-Food-Pegels. Ich suhle mich weiterhin in selbstgemachtem Tomaten-Couscous und Tortellinisalat.
Fast vergesse ich zwischendrin, worin ich eigentlich Verzicht übe. Doch es wundert mich auch nicht, als mich das Projekt an einem Abend mit voller Wucht wieder einholt und ich schlagartig an meine Mission erinnert werde. Unverfänglich sitze ich bei Freunden in deren urgemütlicher WG und einer macht den Vorschlag, Pizza zu bestellen. Auch wenn alle guten Freunde im Raum von meinem Selbsttest wissen, gerät es nun in Vergessenheit und ist nicht präsent. Ebenso bei mir. Ich schaue schon, instinktiv und ohne besondere Gelüste zu verspüren, online in die Speisekarte der ausgewählten Pizzeria, als es mir siedend heiß einfällt: ICH DARF JA NICHT! Und da ich diesen Artikel und das gesamte Projekt ernst nehme, ziehe ich mich aus der Pizzarunde zurück. Erste Prüfung überstanden. Die zweite folgt in dem Augenblick, als die Pizzen der anderen dampfend und fettig auf dem Tisch liegen und ich bei keinem mitnaschen darf.

Gedanken über Fastfood und Gesellschaft

Anhand dieser Situation, die exemplarisch für viele weitere stehen könnte, zeigt sich, wie solche simple Gewohnheiten bei mir zu Tage treten. Eine habitualisierte Handlung, das fast schon reflexartige “sich Anschließen” an die Idee einer Bestellung von Fast Food hat rein gar nichts mit dem wirklichen Verlangen nach einem entsprechenden Gericht zu tun. Zumindest nicht bei mir. Ich denke mir eben nicht: „Jetzt hätte ich soo Lust auf Pizza!“ Erst, wenn diese tatsächlich vor mir steht oder durch eine getätigte Bestellung die Vorfreude auf das Essen steigen kann, tritt die wirkliche Lust auf. Seltsam eigentlich. Ist Fast Food also für mich ein eher soziales denn ein kulinarisches Phänomen? Es scheint fast so.

In der ganzen Versuchszeit geschieht nichts, was diese These schlüssig widerlegt. Wenn Fast Food aus sozialen Gründen verfügbar ist oder verfügbar gemacht wird, greife ich zu. Keine Träume von Fettigem oder der Wunsch nach sofortiger, kurzfristiger Sättigung durch Junkfood. Für mich ist diese Entdeckung interessant, da sie mir verdeutlicht, dass man ab und zu von außen auf seine Verhaltensmuster und Gewohnheiten blicken muss. Die durch diesen Selbstversuch erzwungene Beobachterposition, die ich einnehme, entlarvt mich. Offenbar entdeckt man solche Muster vor allem dann, wenn man sich selbst austrickst.
Auch wenn Selbstversuche gerade auf dem Weg zur Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung der “Generation Y” voll im Trend zu liegen scheinen und ich Trends ungern hinterherlaufe: Ich habe meine eigene Rechtfertigung gefunden, warum die eine oder andere selbstauferlegte Prüfung nicht schaden kann. Sich selbst besser kennenzulernen sollte schließlich Bestandteil einer fortlaufenden charakterlichen Entwicklung im menschlichen Leben sein.

Fazit

Diese Selbstreflexion hilft mir, meine Einstellung gegenüber Fastfood noch in anderer Hinsicht zu überdenken. In unserem immer hektischer werdenden Alltag wird Essen allmählich zur Nebenbei-Tätigkeit. Eine Routine, der man pflichtbewusst nachgeht. Eine Routine, die stattfindet, während wir unser Smartphone checken, Hausarbeiten ausdrucken und Selbstversuchs-Texte schreiben. Eine Routine, die keine sein sollte. Weil Nahrungsaufnahme eben keine Routine, sondern ein bewusster Akt der Entscheidung sein muss, werde ich wohl auch in Zukunft einen Bogen um Fastfood machen. Mir, meinem Körper und meinem Bewusstsein zuliebe. Das heißt nicht, dass ich mich bei Ausnahmen geißeln werde.
Um einen bekannten Satz umzuformulieren: Routinen sind da, um gebrochen zu werden.
In diesem Fall: Aufgabe erledigt!

 

Titelbild: Moritz Janowsky & Robin Thier

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Nelly Langelüddecke

Studiert in Münster, liebt ihre Ehrenämter, turnt nebenbei in der Weltgeschichte herum und hat stets mit hochphilosophischen Gedanken zu kämpfen. Mal sehen, was sich davon in ihren Artikeln niederschlägt.

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