Gesellschaft und Lifestyle / Reportage

Im Reich der Kims – Teil 1 – Ein Reisebericht aus Nordkorea

Nordkorea - ein Name und ein Fleck auf der Landkarte. Lukas ist nach Nordkorea gereist, in der Hoffnung, das Land besser kennen und verstehen zu lernen.
| Lukas Klus |

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Privat

Monument der Parteigründung

Disclaimer: Ich berichte hier lediglich von dem, was ich in Nordkorea gesehen und erfahren habe. Das hat weder den Anspruch einer journalistischen Aufarbeitung noch einer soziologischen oder anthropologischen Feldstudie. Ich teile hier lediglich meine Eindrücke, ohne etwas verteidigen oder dämonisieren zu wollen.

Kim Jong-Un lässt vertrauten Minister hinrichten – Nordkorea kürzt Essensrationen – Die Behandlungskosten des unter mysteriösen Umständen gestorbenen US-Studenten Otto Warmbier werden den USA in Rechnung gestellt.

Dies sind ein paar der Nachrichten, die in letzter Zeit zum Thema Nordkorea zirkulierten. Das kleine Land in Südostasien wirkt von außen wie ein Moloch des Dämonischen, ein Hort des Bösen, das mit jeder neuen Schlagzeile ein leichtes Zittern durch die Staaten des Westens treibt. Abseits reißerischer Schlagzeilen wissen jedoch die wenigsten Menschen wirklich etwas über Geschichte, Kultur oder politisches System des Landes.

Ich beschloss daher, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Für insgesamt vier Tage befand ich mich in diesem seltsamen verschlossenen Reich, in der Hoffnung, Nordkorea ein Stück besser kennen und verstehen zu lernen.

Beginn in Peking

Polizei und Militär an jeder Ecke, Überwachungskameras selbst in den abgelegensten Winkeln, Sicherheits- und Passkontrollen, wo man auch hin will – eine Diktatur im Rücken konnte ich schon in den vorherigen Tagen in China spüren. Meine Reise begann in Peking, einer Stadt voller Kontraste: Moderne Hochhäuser treffen auf enge Gassen von Wohnhäusern, gigantische Menschenmassen treffen auf strikte Kontrolle, kommunistische Symbole treffen auf Konsumparadiese.

Ein letztes Mal schritt ich durch eine Sicherheitsschleuse, um den Zug zu betreten, der mich im Laufe der Nacht an die Grenze zu jenem mysteriösen Land bringen sollte. Der Rest der international bunt zusammengewürfelten Gruppe, die mich begleitete, tat es mir gleich. In dem Moment, in dem sich die Räder in Bewegung setzten, gab es kein Zurück mehr. Mir blieb nichts anderes übrig, als aus dem Fenster zu sehen. Eine riesige Stadt reihte sich an die andere. Hochhäuser und volle Beleuchtung überall. Teils erstrahlen moderne Prunkbauten in allen erdenklichen Farben. Ein Bierverkäufer ging durch die Gänge. Zeit, mit meiner Reisegruppe einmal anzustoßen, bevor es in ein ungemütliches Bett gehen sollte.

Mit dem Erwachen am nächsten Morgen kam der Kontrast: Kaum noch große Städte zogen am Zugfenster vorbei. Stattdessen wurde die Landschaft von Bergen gezeichnet. Dazwischen überall Reisfelder. Die Nähe von Nordkorea zeichnete sich ab. Eine plötzliche Nervosität machte sich in mir breit.

Die Grenze

Dandong gilt in China als kleine Stadt, fasst es doch nur etwas über zwei Millionen Einwohner. Für meine europäischen Augen immer noch eine enorme Dimension. Dandong ist die letzte Stadt auf chinesischem Boden, der mit dem Fluss Yalu endet. Überschreitet man diesen, betritt man nordkoreanisches Staatsgebiet.

Hier musste man einmal umsteigen. Am Bahnhof: Eine letzte chinesische Machtdemonstration. Eine riesige Statue von Mao blickte direkt in den Norden, fast schon warnend. Nordkoreaner liefen hier überall herum. Neben ihrer formalen Kleidung, die zum chinesischen Kleidungsstil absolut konträr wirkt, sind diese auch an ihren Broschen zu erkennen: Jeder Nordkoreaner ist verpflichtet, eine solche zu tragen. Darauf abgebildet: Kim il-Sung und manchmal auch Kim Jong-il. Der erste Geschmack eines intensiven Personenkults. Es blieb noch etwas Zeit, sich was zu essen zu holen, bevor der Zug über die Grenze ging. Außerdem erhielten wir hier unsere Touristenkarten, die praktisch unser Visum darstellten. Im Reisepass abgestempelt wird dieses nicht. Das Visum darf man aber auch nicht behalten, was schade ist, wenn man seinen Namen einmal in koreanischen Zeichen lesen will. Die chinesische Ausreise musste dann aber doch noch im Reisepass vermerkt werden. Und dann ging es ab in den Zug.

Blick aus Zugfenster
Privat Fahrt nach Nordkorea mit dem Zug

Als ob er meinen nervösen Geisteszustand noch in nahezu sadistischer Manier ausreizen wollte, fuhr dieser enorm langsam über die Brücke, die mich noch von Nordkorea – oder offiziell: der Demokratischen Volksrepublik Korea – trennte.

Das Erste, was auf nordkoreanischer Seite zu sehen war, war nicht etwa ein Monument der Propaganda oder die heruntergekommenen Wohnungen der Dritten Welt: Es war ein Freizeitpark mit Riesenrad und Achterbahn.

Nach dem Park kam reines Grau – Grau, in dem der Zug plötzlich stehen blieb. Soldaten mit großen Hüten betraten den Zug, die Passagiere wurden nach draußen geschickt. In einer Reihe aufstellen! Ich stellte mich innerlich auf die wohl strengste Grenzkontrolle der Welt ein. Auf intensive Durchsuchungen und penetrante Befragungen. Trotz der lockeren Stimmung im Zug mit vielen schönen Unterhaltungen konnte meine Angst vor dieser Situation nie so ganz verfliegen, die Situation, die jetzt eintrat.

Ein Soldat trat vor unsere Reihe. Handys aus der Tasche, einmal vorzeigen! Als Sicherheitsmaßnahme hatte ich zuvor zwar alle fragwürdigen Bilder und Chats gelöscht, dennoch machte es mich nervös, sollte ein nordkoreanischer Grenzsoldat mein Handy, dieses kleine Objekt postmoderner Intimität, einmal mit der Gründlichkeit des Repräsentanten eines autoritären Überwachungsstaats filzen. Erleichtert, aber nicht hörbar, atmete ich aus, als wir alle unsere Handys wieder einstecken konnten. Sie wurden nur einmal durchgezählt. Die Reihe wurde aufgelöst und wir wurden in einen Warteraum geführt. Eine weitere Stunde verbrachte die Gruppe hier noch. Ein paar Koffer wurden halbherzig durchsucht. Immerhin gab es das erstaunlich gute nordkoreanische Bier zu kaufen. Prost!

Ankunft in Pjöngjang

Nach der absolut lockeren und entgegen meiner Befürchtung überhaupt nicht schlimmen Grenzkontrolle passierte der Zug über mehrere Stunden Reisfelder, Dörfer und kleine Städte. Hin und wieder zog er an riesigen Bildnissen der beiden Führer Kim il-Sung und Kim Jong-il vorbei. Die nordkoreanischen Bürger sehen sich permanent deren Blick ausgesetzt: Gerade Porträts der beiden sind an allen erdenklichen Orten zu finden. Der ganze nordkoreanische Staat gleicht einem einzigen Panoptikum, das einen ins permanente Blickfeld der beiden Kims zwingt. Dabei nicht inbegriffen: Kim Jong-un. Ausgerechnet der westliche Medienstar, der stets mit seinem markanten Antlitz die Zeitungen füllt, ist in seinem eigenen Reich eine unsichtbare Figur, die das Staatsgeschehen zwar durch die Menschen bewusst, aber nicht immer bemerkt, lenkt, während seine beiden Vorgänger kultisch verehrt werden.

Abseits dieser Porträts war das Geschehen, das ich beobachten konnte, fast schon normal: Menschen, die auf Feldern arbeiten; Menschen, die sich von der Arbeit drücken. Jedoch klar bemerkbar: Nordkorea ist kein wohlhabendes Land. Die Häuser sind oft schlecht gepflegt, in den ländlichen Gegenden sind es eher Hütten. Autos sind kaum zu sehen, Fahrräder dafür schon fast in Münsteraner Dimensionen.

Die Dämmerung war im Anbruch, das Tageslicht hatte jedoch noch füllende Kraft, als der Zug am Hauptbahnhof von Pjöngjang hielt.

Alleine reisen ist in Nordkorea nicht möglich. Eine nordkoreanische Reiseleiterin und ein Reiseleiter erwarteten unsere Gruppe am mit koreanischer Volksmusik beschallten Bahnhof. Eine Gruppe, die ich in den folgenden Tagen nicht mehr verlassen durfte. Diese beiden Gestalten sollten nicht nur alles erklären, was es hier zu sehen gab, sie würden auch meine permanente Aufsicht für diese Zeit sein. Sie stellten sich zugleich auch als herzliche und überaus freundliche Menschen heraus. Sie fragten einen nicht aus, unterhielten sich jedoch aus ehrlichem Interesse mit uns. Sie mochten es, aus ihrem Leben zu erzählen und unterhielten uns mit Liedern und Witzen.

Ich stellte mir Nordkorea immer als einen Ort der Stille vor. Einen Ort, an dem meist´ Ruhe und wenig Treiben herrschte – keine angenehme Ruhe, eher ein bedrückendes Schweigen. Pjöngjang kann seine fast drei Millionen Einwohner jedoch nicht verstecken. Auf den Straßen herrschte reges Treiben. Gerade am Bahnhof waren viele Menschen unterwegs, die keinesfalls im stillen Gleichschritt marschierten. Vor dem Bahnhof lief eine Art Musikshow auf einem überdimensionalen Bildschirm. Eine beachtliche Traube Menschen stand versammelt davor, sah und lauschte wie im Bann.

Die Straßen sind keinesfalls leer. Sie erschaffen nicht den Eindruck einer Großstadt, gerade wenn man ein paar Tage zuvor noch auf den überfüllten Straßen von Peking unterwegs war. Dennoch sind genug Autos unterwegs, um das Wort „Straßenverkehr“ als passende Begrifflichkeit anzuerkennen, auch wenn es kaum Privatautos gewesen sein dürften, die da unterwegs waren. Klar zu erkennen sind viele Taxis, sonst sind es vor allem Diplomaten, hochrangige Politiker und Militär, die auf vier Rädern unterwegs sind.

So wie auch meine Reisegruppe. Die bekam einen Bus mit Fahrer zugeteilt.

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Erste Eindrücke

Der Verkehr von Pjöngjang mag für Großstädte sehr gemäßigt sein, als Fahrradstadt macht es dafür Münster nahezu Konkurrenz. Jedenfalls im Verhältnis zu den Autos gerechnet.

Die Dämmerung schritt voran, die Abendluft war jedoch warm und im Gegensatz zur Smog-verseuchten Pekinger Atmosphäre auch angenehm.

Im Bus bekam unsere ganze Gruppe von unserer gut gelaunten Reiseleiterin eine Einführung zur uns umgebenen Architektur. Unter anderem findet sich in Pjöngjang das größte Stadion der Welt, bei dem doch die Frage gestellt werden darf, ob dessen über 100.000 Plätzen jemals voll besetzt sind. An nahezu jedem öffentlichen Gebäude hängen die immer gleichen Porträts der beiden Kims. Wer glaubt, dass diese den strikten Darstellungen von Stalin und Mao entsprechen, die die umgebenden Menschen nahezu drohend anstarren, der irrt: Kim und Kim lächeln wie zwei freundliche alte Männer. Sie erschaffen weniger die angsterfüllende Totalität des großen Terrors, sondern sind mehr Sinnbilder eines Über-Ich innerhalb einer von Unbehagen geprägten Kultur, die stets das Gute sehen, deren Lächeln man jedoch nicht in Enttäuschung schwinden sehen will, wenn man vor ihren Augen die Regeln bricht. Der freundlich aufgesetzte Psychoterror, mit dem moderne Werbung und soziale Medien unsere Welt fluten, ist im isolierten Teil von Südostasien längst eingeübt.

Kim il-Sung-Platz
Privat Bekannt für seine Militärparaden: Der Kim il-Sung-Platz. Die beiden Porträts kann man an allen möglichen Orten finden.

Neben den Kims auch aus nahezu jedem Winkel von Pjöngjang zu sehen: das Ryugyong-Hotel. Mit seiner überzogenen Größe und seiner Pyramidenform ist diese Bauruine leicht zu erkennen. Der Stolz der Nordkoreaner ist der Gigant aus Stahl und Glas aber keinesfalls: Seit über 30 Jahren nicht fertiggestellt, weil den Investoren irgendwann einfiel, dass ein Hotel in Nordkorea vielleicht doch nicht so eine sichere Profitquelle ist. Der einstige Stolz des Landes, der zu den ganz großen Gebäuden Asiens und das höchste Hotel der Welt werden sollte, ist statt eines silbern glänzenden Superlativs ein Sinnbild des Scheiterns geworden. Immerhin wird es inzwischen einigermaßen sinnvoll genutzt, um bei Nacht beeindruckende LED-Shows in das sonst recht dunkle Pjöngjang zu zaubern.

Der Abend sollte mit unserem ersten nordkoreanischen Restaurantbesuch abgerundet werden. Die Küche hier hat wenig mit dem zu tun, was man bei uns unter asiatisch versteht. Für meine westlich geprägte Zunge zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig. Was man wissen sollte: Man bekommt hier immer wieder nachgeliefert und wird niemals aufessen können. Neben Reis auch immer Bestandteil des Menüs: Kimchi, fermentierter Chinakohl. Kimchi gibt es hier zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot, bis er einem aus den Ohren wieder heraushängt.

Abgeschlossen wurde der Tag mit einem Spaziergang durch eine modern anmutende Wohngegend, die mit ihrem luxuriösen Äußeren ein ideales Aushängeschild für das sonst so von verkommenen Plattenbauten geprägte Pjöngjang.

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Nein, eigentlich stimmt das nicht: Abgeschlossen wurde der Abend an der Hotelbar, an der plötzlich das Gegenteil von der Strenge, die viele bei dieser Reise erwartet hatten, hervorkam: Es wurde mit Freude nordkoreanisches Bier und starker Reiswein getrunken, Billard gespielt und viel gelacht. Dazwischen: Unsere nordkoreanischen Tourguides. Später dazugestoßen: Ein weiterer nordkoreanischer Tourguide, der Deutsch sprach. Dabei war ich am letzten Ort der Welt, an dem ich damit rechnete, mit einem Einheimischen Deutsch zu sprechen.

Fortsetzung folgt… Hier geht es zu Teil 2 der Reportage: Monumente einer Hauptstadt

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