Buchkritik

Tatsächlich gelesen: Reise um die Welt (Georg Forster)

Vielleicht war es mein Faible für Abenteuergeschichten, das mich dazu getrieben hat, diesen Wälzer zu lesen. Schließlich leben wir heute […]
| Dominik Schiffer |

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

unbekannt

Vielleicht war es mein Faible für Abenteuergeschichten, das mich dazu getrieben hat, diesen Wälzer zu lesen. Schließlich leben wir heute in einer Welt, die durch verschiedene Technologien bis auf den letzten Zentimeter zu vermessen ist, die keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte hat und deren Möglichkeiten, Unbekanntes zu entdecken, doch sehr begrenzt sind. Das war einmal anders.

Als der britische Entdecker Captain James Cook 1775 zu seiner zweiten Weltumseglung aufbrach, nahm er auch zwei preußische Wissenschaftler, Vater und Sohn, an Bord. Der jüngere von beiden, Georg Forster, führte über die gesamte Reise hinweg ein Tagebuch, auf dessen Basis er nach seiner Rückkehr einen Reisebericht verfasste. Die Reise führte zunächst entlang der Westküste Afrikas, dann, soweit das Eis es zuließ, Richtung Südpol, von dort bis nach Neuseeland um einige umliegende Inseln und zurück. Insgesamt war die Mannschaft drei Jahre lang auf See.

Forsters Aufzeichnungen sind akribisch. Wer jemals wissen wollte, wie Vorbereitung und Durchführung einer wissenschaftlichen Expedition in größtenteils unentdeckte Gebiete vonstattengingen, der wird hier alle seine Fragen beantwortet finden. Forster beschreibt Inseln, Vegetation, Tierwelt, geologische Besonderheiten und natürlich immer wieder das Zusammentreffen mit indigenen Kulturen. Diese Treffen machen auch das eigentlich Spannende dieses Folianten aus. Es ist hochinteressant zu lesen, wie sich ein europäischer Wissenschaftler indigenen Gebräuchen nähert. Auf Neuseeland wird er beispielsweise mit Kannibalismus konfrontiert, anderorts mit religiösen Zeremonien und generell fremden Sitten. Und vor allen Dingen setzt Forster diese Bräuche immer ins Verhältnis zu der Situation in Europa. Er stellt oft infrage, ob sich die westliche Gesellschaft wirklich zivilisierter fühlen darf. Ob es denn beispielsweise fortschrittlicher als der beobachtete Kannibalismus sei, junge Menschen aufgrund von Adelsstreitigkeiten auf Schlachtfeldern den Raben zum Fraß liegen zu lassen. Auch begreift er, welche Gefahr für das friedliche Leben der indigenen Stämme von dem Kontakt mit den Europäern ausgeht, wenn beispielsweise eingeschleppte Geschlechtskrankheiten wüten oder Krieg zwischen den indigenen Stämmen um die von den Europäern mitgebrachten Eisenwerkzeuge entbrennt.

“Es ist würklich im Ernste zu wünschen, daß der Umgang der Europäer mit den Einwohnern der Süd-See-Inseln in Zeiten abgebrochen werden möge, ehe die verderbten Sitten der civilisirtern Völker diese unschuldigen Leute anstecken können, die hier in ihrer Unwissenheit und Einfalt so glücklich leben. Aber es ist eine traurige Wahrheit, daß Menschenliebe und die politischen Systeme von Europa nicht mit einander harmonieren!”

Das Problem des Berichts ist, dass diese wirklich spannenden Passagen nur einen winzigen Teil ausmachen. Forster erspart dem Leser wirklich keinen Trampelpfad, keine verlassene Hütte, keinen Albatros und keine Möwe, die er irgendwo gesehen hat, keine Krankheit, keine Verdauungsbeschwerde und kein Fass schimmelnden Zwieback. Noch dazu ist der Bericht von den meisten Verlagen im Original herausgegeben, d. h. mit Orthografie und Interpunktion aus der Zeit. Dies macht es umso mühseliger sich den Text zu erschließen. Die reine Textausgabe ist zum größten Teil eine sehr öde Lektüre mit einigen wenigen tatsächlich amüsanten oder spannenden Momenten. Doch diese Anekdoten lassen sich sicher irgendwo aufbereitet finden. Selbst Liebhaber detaillierter Dokumentationen werden hier an ihre Grenzen stoßen.

Es gibt zu diesem Text auch noch eine besondere Ausgabe, die erwähnenswert ist: Sie enthält auch Gemälde und Illustrationen, die die ebenfalls mitreisenden Künstler angefertigt haben. Ob diese allerdings ausreichen, den extrem trockenen Text aufzuwerten, darf bezweifelt werden.

Dann lieber das Tagebuch Robert Falcon Scotts von dessen Südpolexpedition. Oder doch einfach Die Schatzinsel

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