Kultur und Medien / Meinung

TikTok und der Journalismus, passt das zusammen?

Viele Medienhäuser bekommen ihre Auftritte auf Instagram, Facebook und Twitter gerade unter Kontrolle, da kommt die nächste Plattform um die Ecke. Aber muss man jedem Social-Trend folgen?
| Charlotte Möller |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Handy auf Holztisch mit TikTok Logo auf dem BildschirmPixabay | amrothman

Wenn ich in den letzten Wochen auf Job-Portalen nach journalistischen Jobs suche, fällt eine Beschreibung besonders ins Auge. Viele Stellenangebote legen den Fokus auf Videoredakteur*innen oder Social Media Redakteur*innen. Ich kann schon ahnen, was sich hinter dieser Jobbezeichnung verbirgt.

Wer kann hier TikTok?

Zugegeben, meine erste Reaktion war Enttäuschung. Es entsteht der Eindruck, dass bei der Suche nach Nachwuchsjournalist*innen die Fragen: „Kannst du auch Social Media? Hast du eigene Kanäle?“ mit an erster Stelle stehen. Natürlich ist das aus Arbeitgeber*innensicht mehr als nachvollziehbar. Die meisten in meiner Generation der Digital Natives sind mit den Sozialen Medien aufgewachsen und dementsprechend vertraut mit den Plattformen. Außerdem prophezeien Social Media Prognosen für das Jahr 2022, dass das vertikale Videoformat stetig noch bedeutender wird. Aber Journalismus auf TikTok? Geht das überhaupt?

Betrachten wir den ganzen Hype mal nüchtern, so kann man auf keinen anderen Schluss kommen, als dass es sich hierbei um eine extrem sinnvolle, wichtige und alles andere als unnütze Ergänzung für Redaktionen handelt. Auch die Arbeit als Videoredakteur*in gewinnt damit an Bedeutung. Und das zu Recht. Ich muss meine anfängliche Enttäuschung wohl revidieren und das sind die Gründe dafür.

Das Gleiche in bunt

Im Vergleich zu traditionellen Nachrichten bietet TikTok nicht unbedingt weniger, sondern teilweise mehr Möglichkeiten eine relevante Meldung zu vermitteln. Nehmen wir Radionachrichten als Vergleichsobjekt und fokussieren uns dabei auf die übliche Nachrichtenlänge. Es wird deutlich, dass die Nachrichtensprecher*innen mit ca. 3 bis 3 ½ Minuten für 3-5 Kurznachrichten und das Wetter auskommen müssen. Das sind gerade mal 30-60 Sekunden pro Nachricht. Eine Länge, die auch bei TikTok angemessen wäre.

Gut, jetzt können wir natürlich lang und breit über die grundsätzliche Sinnhaftigkeit solcher Kurzformate sprechen. Aber gerade in der kürzesten, sinnvoll komprimierten Nachricht kann die größte journalistische Leistung liegen. Längere Inhalte müssen nicht direkt zu einer besseren oder hochwertigen Nachricht führen. Die Frage ist hierbei doch, welcher Zweck mit dem Inhalt verfolgt wird. Im Falle dieser Nachrichtenformate soll kurz und kompakt das Wichtigste für die Hörer*innen zusammengefasst werden. Wer noch nach Hintergundinfos sucht, kann diese später in ausführlicheren Beiträgen finden. Der Punkt ist, dass auch kurze Einblicke in aktuelle Meldungen ermöglicht werden sollen. Außerdem setzte TikTok die mögliche Videolänge mittlerweile auf drei Minuten hoch. Damit wären wir dann schon bei einer kurzen TV-Beitragslänge, wie sie zum Beispiel auch bei unserer Lokalzeit Münsterland Verwendung findet. Die Länge ist also schon mal kein Argument gegen das journalistische Videoformat.

Zusätzlich bietet die App natürlich die bedeutende visuelle Komponente. Hier können Animationen, Beispielbilder, Sounds und Textzusätze die Aussage der Nachricht unterstreichen und verständlicher machen.

Transparency is Key

Ein nächster Pluspunkt für TikTok-Journalismus, der Kommunikationswissenschaftler*innen besonders positiv ins Auge fällt: Die Transparenz, die durch Behind the Scenes Aufnahmen oder andere privatere Inhalte gegeben werden kann und die unmittelbare Kommunikator*in-Rezipient*in-Interaktion. Das bedeutet die Interaktion der Journalist*innen und Medienmacher*innen mit den Leser*innen, Zuschauer*innen und Zuhörer*innen. In der Wissenschaft wird diese Möglichkeit der direkten Interaktion im Social Web schon lange analysiert und als Chance der Rezipient*innen-Bindung an das Produkt und die Medienmarke erkannt.

Es hat einen Grund, warum der TikTok-Kanal der Tagesschau zum „Best Practice“ Journalismus auf der Plattform wurde. Durch das erste Video, das den ikonischen Moderator Jan Hofer beim digitalen Bearbeiten seiner Krawattenfarbe zeigt, machte sich die Tagesschau gleich mehrere Chancen des Mediums zu Nutze. Sie zeigten die verstaubte Nachrichtensendung auf eine erfrischende, echte und nahbare Weise. Damit förderten sie Transparenz zu Arbeitsprozessen mit passendem Behind the Scenes-Material und traten in den direkten Kontakt mit den jungen User*innen. Besser hätten sie es nicht gestalten können. Jetzt zeigt der Kanal den Redaktionsalltag, beantwortet Fragen der User*innen und vermittelt Nachrichten. Damit kommen ihre Inhalte unverändert gut bei mittlerweile 1.2 Millionen Follower*innen auf der Plattform an.

Holt mich da ab, wo ich stehe!

Das führt auch zum letzten und vielleicht wichtigsten Argument dafür, dass Redaktionen TikTok eine Chance geben sollten. Die erreichte Zielgruppe. Es ist bereits bekannt, dass nicht nur die Printmedien in einer Auflagenkrise stecken. Längst hat der Kampf um die Rezipient*innen auch im Fernsehen und im Radio Einzug gehalten.

Die Redaktionen stehen unter ständigem Druck, den Anforderungen einer digitalisierten, schnelllebigen und kritischen Bevölkerung Genüge zu tragen. Ressourcen sind endlich. Immer neue Journalist*innen einzustellen, sobald eine neue Plattform entsteht, ist eine enorme wirtschaftliche Herausforderung. Die Anpassung an Facebook, Instagram, YouTube und jetzt auch noch TikTok ist eine beinahe nicht stemmbare Aufgabe für viele Redaktionen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns an diesen Zustand gewöhnen müssen, wenn immer neue Generationen von qualitativ hochwertigen journalistischen Inhalten überzeugt werden sollen.

Die Social Media Redaktion

Mir bleibt nur zu hoffen, dass es Social Media Redaktionen für journalistische Formate geben wird, die nicht nur für das Erstellen des Contents für die aktuellen Trendplattform zuständig sind. Sie müssen sich darüber hinaus mit den zukünftigen Trends und Formaten auseinandersetzen. Das beste Beispiel dafür, dass die Investitionen in eigene Redaktionen sinnvoll sein kann, ist funk. Erst 2016 als gemeinsames Online-Content-Netzwerk der ARD und des ZDF online gegangen, ist die Jugendmarke der öffentlich-rechtlichen Sender mittlerweile mit einer Vielzahl an eigenen YouTube, Insta und ja, auch TikTok-Formaten ausgestattet. Hierbei ist ein besonders intelligenter Schachzug Grund für die kurze Trendreaktionszeit des Formats. Statt den neusten Trends hinterherzurennen, kauft funk gute Creator einfach dazu und kann damit auf allen Plattformen gleichzeitig präsent sein.  

Aber noch etwas sollte bei der aktuellen Entwicklung mitbedacht werden. Am Beispiel der App Cloubhouse lässt sich beobachten, dass Trends so schnell durch die Decke gehen, wie sie wieder von der Bildfläche verschwinden. Das ist ein Problem bei der Arbeit mit privaten Drittanbietern, wie dem Meta-Konzern oder ByteDance, zu dem TikTok gehört. Eine gewisse Abhängigkeit von Plattformen und ihren Erfolgen schwingt zwangsmäßig mit. Wenn TikTok aus nicht unwahrscheinlichen Rechtsproblemen zu einem ungewissen Zeitpunkt aus der deutschen Medienlandschaft verschwindet, heißt das aber nicht, dass Ressourcen verschwendet wurden. Wie die Nutzer*innen vom Zapp – Das Medienmagazin auf Instagram es zu Recht vermuten: Im Falle der Abschaltung TikToks, wird es schnell eine neue Variante der Videoplattform geben. Nur eine gut vorbereitete Social Media Redaktion kann langfristig angemessen auf diese Launen des Social Webs reagieren.

Immer mehr Medienhäuser bringen ihre TikTok-Kanäle in Position. Mein Appell an die Redaktionen, die noch im Evaluationsprozess stecken: So leid es mir auch tut, an TikTok solltet ihr nicht vorbeikommen.

Interessiert an weiteren Infos zum Thema?

Hier eine Podcastempfehlung Baby got Business mit dem Head of  Social Media der Tagesschau Patrick Weinhold. Weinhold beschreibt hierbei genau, wie die Tagesschau zum Best Practice auf TikTok wurde: https://open.spotify.com/episode/3B5RmHowf5Bcv3kLdlaDcP?si=896e0f04bcf24b4c

Genannte Kanäle

ZAPP – Das Medienmagazin: Instagram @zapp.medienmagazin

Tagessschau: TikTok @tagesschau

funk: https://www.funk.net/

Social Media Trends 2022

https://social-dna.de/social-media/social-media-trends-2022-analysen-strategien-und-handlungsempfehlungen/https://allairt.com/insights/social-media/die-wichtigsten-social-media-trends-fur-2022/

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

Noch mehr Stories? Folge seitenwaelzer:

Charlotte Möller

Wenn ihr mich sucht: Ich bin im Kino, oder im Theater, oder im Studio... oder gerade außer Land. Ich habe mein Studium der Kommunikationswissenschaft in Münster abgeschlossen und streuner gerade durch Berlin. Nebenbei verfolge ich meine Leidenschaft für das Schauspiel, die Dramaturgie und die Foto- und Videographie. Gebt mir eine Möglichkeit kreativ zu werden und ich bin dabei!

Burg Hülshoff mit der Vorburg. Eine Gräfte und ein Park umrahmen die Burg.Benja Bauroth | seitenwaelzer.de

Annette von Droste-Hülshoff – ein Garten voller Worte

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b9/Caspar_David_Friedrich_-_Wanderer_above_the_sea_of_fog.jpg

Sehnen nach Natur: Harvest Moon, Animal Crossing und die Epoche der Romantik

Joshua Sans

Die grüne Null – Zero Waste in Münster

burn-outGerd Altmann

Burn-out im Studium – Noch nicht im Beruf und trotzdem schon ausgebrannt?

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Wir benutzen Cookies, mit der Nutzung unserer Webseite erklärst du dich damit einverstanden. Hier gibt's weitere Infos.