Bildung und Karriere / Interview / Studium

Von wegen arbeitslos: Keine Scheu vor den Geisteswissenschaften!

Geisteswissenschaftler*innen – kaum eine andere Gruppe von Studierenden wird so sehr mit Vorurteilen konfrontiert. Von dem Bild des “Laberfachs” bis […]
| Laura Klöppinger |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Startup Stock Photo/Pexels

Geisteswissenschaftler*innen – kaum eine andere Gruppe von Studierenden wird so sehr mit Vorurteilen konfrontiert. Von dem Bild des “Laberfachs” bis hin zu dem Landen in der Arbeitslosigkeit – die Klischees sind endlos. Mit Katja Wohlfeil, Studienberaterin der Universität Düsseldorf, führte ich ein inspirierendes Gespräch in dem sie Vorurteile wie diese nicht nur aus dem Weg räumt, sondern auch zeigt, dass uns Geisteswissenschaftler*innen viele Wege offen stehen. Katja hat Germanistik und Geschichte studiert und würde diese Entscheidung niemals anzweifeln. Sie ist eine dieser Menschen, die über beide Ohren strahlen, wenn sie von ihrem Studium erzählen.

Warum ausgerechnet Germanistik und Geschichte?

Ich wusste von Anfang an, dass ich Germanistik studieren möchte. In meiner Schulzeit war ich besonders gut in Deutsch und habe auch schon seit meiner Kindheit gerne Bücher gelesen und interpretiert. Zu Geschichte bin ich gekommen, da man an der Universität Düsseldorf neben dem Kernfach noch ein Ergänzungsfach wählen musste. Durch das Ausschlussprinzip habe ich mich dann für Geschichte entschieden, unter anderem auch, weil die Frau in der Studienberatung so enthusiastisch von dem Fach erzählte und mich mit dieser Begeisterung angesteckt hat. In der Schule mochte ich das Fach eigentlich überhaupt nicht. Letztendlich hätte ich sogar noch gerne meinen Master darin gemacht – jedoch musste ich mich für ein Fach entscheiden. Die Begeisterung für meine Fächer versuche ich in meiner Arbeit als Studienberaterin miteinzubringen.

Gab es klassische Vorurteile oder Sprüche, die du dir anhören musstest?

Von meinem Umfeld musste ich mir einiges anhören. Vor allem kamen so Aussagen wie „Was wird man denn damit?“ oder „Achso, willst du Taxifahrerin werden?“. Man kann sich das von überall anhören, das ist schon fast übergriffig. Solche Sprüche können einen natürlich richtig runterziehen. Ich gehe ja auch nicht zum Bäcker und sage ihm, wie er seinen Job zu machen hat. Dieses Urteilen ist einfach sehr anmaßend. Irgendwann habe ich aber gelernt, locker damit umzugehen und nur noch geantwortet „Dann werde ich halt Taxifahrerin“. Die Dozierenden an der Uni Düsseldorf haben uns immer empowert und in unserer Entscheidung bestärkt – auch meine Eltern sind verständnisvoll mit mir umgegangen. Ich kenne tatsächlich niemanden aus meinem Studiengang, der damit arbeitslos geworden ist.

In welchen Berufsfeldern hast du dich schon ausprobiert?  

Während meiner Studienzeit habe ich mich in einer Menge von Berufsfeldern ausprobiert. Als ich noch in Münster studierte, habe ich als Studentische Hilfskraft im Eingangslektorat des Coppenrath-Verlags gearbeitet. Man bekam Manuskripte von Autor*innen zugeschickt, bei denen wir prüfen sollten, was davon veröffentlicht werden kann. Als ich zur Uni Düsseldorf gewechselt habe, habe ich eine Stelle bei einem Professor bekommen, für den ich Abschlussarbeiten oder Berichte durchlesen sollte. Dort habe ich dann auch im Projektmanagement des Kubus-Programms der Uni gearbeitet – ein Projekt, bei dem Geisteswissenschaftler*innen wichtige Zusatzqualifikationen für die Berufswelt erlangen können. Im journalistischen Bereich habe ich mich in der Lokalzeit des WDR ausprobiert, indem ich hinter die Kulissen der Redaktion schauen durfte. Bei allen Tätigkeiten habe ich aber gemerkt, dass mir die Nähe zu Menschen, also das Soziale fehlt. Was alles dann in die entscheidende Bahn gelenkt hat, war eine HiWi-Stelle bei einer Sprachschule für Deutsch als Fremdsprache. Dort habe ich in der Beratung gearbeitet und gemerkt, dass ich sehr gut mit Menschen zusammen arbeiten kann und mir dies großen Spaß macht.

Hattest du während deines Studiums Zweifel?

Während meines ganzen Studiums in Düsseldorf nicht, da ich mit meinen Fächern sehr glücklich war. Im Hinblick auf die Jobchancen und den Arbeitsmarkt machte ich mir ebenfalls keine Sorgen. Da war ich immer recht entspannt. Jedoch lief mein Studienstart nicht wie erhofft. Bevor ich in Düsseldorf studierte, habe ich in Münster Germanistik und Spanisch auf Lehramt studiert. Meine Spanischkenntnisse waren bis dahin nur rudimentär und der Studiengang erforderte bereits, dass man die Sprache perfekt beherrscht. Ich musste so viel dafür pauken, dass ich mich gar nicht auf mein Zweitfach konzentrieren konnte. Zudem haben meine Komiliton*innen alle stark auf das Lehramt hingearbeitet, sodass mir der Fokus auf die Wissenschaft meiner Fächer an sich fehlte. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mitstudierenden im Gegensatz zu mir eher zweckgebunden studierten und hatte dadurch Schwierigkeiten, Anschluss zu finden. Mir ging es vor allem um die bereichernde Studienzeit. Nach drei Semestern entschied ich mich, nach Düsseldorf zu wechseln, was sich als die richtige Entscheidung herausgestellt hat.

Was sind klassische Bereiche, in denen Geisteswissenschaftler*innen arbeiten?

Da gibt es natürlich eine Menge, vor allem auch Bereiche, die einem vielleicht nicht sofort in den Sinn kommen. Da wäre der Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, beispielsweise in Unternehmen, öffentlichen Institutionen, Vereinen oder Ministerien. Darüber hinaus gibt es für Geisteswissenschaftler*innen auch Jobs in der Verwaltung. Mir fällt da zum Beispiel die Hochschulverwaltung ein – die ist spannender als man denkt! Ich kann auf jeden Fall empfehlen, mal auf der Seite des WILA-Arbeitsmarkts Bonn zu schauen, da werden einige solcher Stellen ausgeschrieben. Man kann eben alles machen, was mit Kommunikation zu tun hat. Wenn man in den Kulturbereich möchte, dann kann man als Regieassistenz arbeiten oder in auch in der Projektleitung, indem man zum Beispiel Veranstaltungen organisiert. Natürlich kommt auch eine Karriere beim Verlag oder bei der Zeitung infrage. Zudem gibt es die Möglichkeit, sich bei Sprachschulen zu bewerben und dort zu unterrichten oder zu beraten.

Wie ist denn so das Gehalt bei geisteswissenschaftlichen Berufen?

Das kann total stark variieren und kommt auf den Beruf an. Man kann ja in so vielen unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Im Journalismus kann man bei einer guten Stelle mit 60-70 000 Euro im Jahr rechnen, wohingegen das Gehalt in der Kulturbranche nicht so üppig ist. Dann gibt es da natürlich ganz viel dazwischen. Geisteswissenschaften sind auf jeden Fall nicht die Definition von brotloser Kunst. Was man nicht vergessen darf, ist außerdem der Sinngehalt, mit dem man bezahlt wird. Für mich ist dieser mit das Wichtigste.

Welche Tipps kannst du Geisteswissenschaftler*innen in Sachen Berufsmöglichkeiten geben und wie hebt man sich von anderen ab?

Meine Devise ist: ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren. Erst wenn man auch die Atmosphäre des Umfelds und die verschiedenen Aufgaben kennengelernt hat, kann man einschätzen, ob der Beruf einem auch wirklich Spaß macht. Also nutzt die Zeit im Studium, um viele Bereiche kennenzulernen. Das macht sich natürlich auch gut im Lebenslauf. Viele Arbeitgeber wollen einfach sehen, dass man Praxiserfahrung hat. Wir Geisteswissenschaftler*innen heben uns vor allem durch unsere im Studium erlernten Softskills ab. Man hat Erfahrungen im Präsentationen halten, kann Texte auf ihren Kern runterbrechen und sich schnell in neue Themengebiete einarbeiten. Man kann zudem kreativ denken und Probleme aus vielen Blickwinkeln betrachten. Das ist in vielen Berufen gefragt.

Was kannst du jedem empfehlen, der Geisteswissenschaften studieren will und noch unsicher ist?

Macht nicht das, was eure Eltern sagen, was ihr studieren sollt. Etwas nur aus Vernunft zu studieren kann einem echt das Leben vermiesen. Damit macht ihr weder eure Eltern noch euch selbst glücklich. Ich betreue an der Uni Düsseldorf die Gasthörer*innen, also die Leute, die bereits in Rente sind. Von denen hört man oft: „So, jetzt, wo ich meine Karriere hinter mir habe, kann ich auch was ‘Schönes’ studieren.“ Ich denke mir dann immer „Warum erst jetzt?“. Trainiert euch außerdem ein dickes Fell an und hört nicht auf das, was andere sagen. Man lässt sich viel zu schnell verunsichern. Sprecht auch einfach mal mit den Lehrenden an eurer eigenen Uni, die können euch sagen, was ihre Absolvent*innen mittlerweile beruflich machen.

Zum Mitnehmen:

“Geisteswissenschaften studieren – und dann?” Podcast mit Katja von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Folge 2)

Stellenanzeigen WiLa Arbeitsmarkt Bonn

Weiterführende Informationen über das Thema Geisteswissenschaften und Beruf:

Karriere als Geisteswissenschaftler

Besser als ihr Ruf: Berufsperspektiven für Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften

Geisteswissenschaftler: Zukunft gibt´s nur mit uns

Unterstützen

Wenn dir der Beitrag gefallen hat, würden wir uns über eine kleine Spende freuen.



Noch mehr Stories? Folge seitenwaelzer:

Laura Klöppinger

… liebt die englische Sprache und Kultur, weshalb sie sich auch für das Anglistik (und Germanistik) Studium entschieden hat. Wenn sie nicht gerade liest oder Musik macht, diskutiert sie gerne über Doctor Who oder die neusten Indie-Rock Alben.

Lisanne Droste | seitenwaelzer.de

Warum fiktionale Literatur nicht unterschätzt werden sollte

©Sherlock | PBS

Serienfolgenkritik: Sherlock – The Abominable Bride

©Bridge of Spies | Dreamworks Pictures

Kinokritik: Bridge of Spies – Der Unterhändler

Jose Alonso | Unsplash

Polizeigewalt an Schulen

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Wir benutzen Cookies, mit der Nutzung unserer Webseite erklärst du dich damit einverstanden. Hier gibt's weitere Infos.