Reportage

Wer suchet, der findet

Am nächsten Morgen wechselte ich den Host, da meine Freundin Anna noch am gleichen Abend kommen sollte und wir daher mehr Platz brauchten. Mein neuer Gastgeber José war Anfang 40 und arbeitete in einer Apotheke. Seine Bude lag leider in der Vorstadt, sechs Kilometer von Granadas Zentrum entfernt. Er bot sich jedoch sogleich als Fahrdienst an, da er schließlich ohnehin zum Arbeiten in die Stadt reinfahren musste. Wir mussten noch ein paar Lebensmittel einkaufen und fuhren daher zum Lidl. Die Spanier stehen total auf unseren deutschen Lidl, weil da alles so schön günstig ist. Freut einen ja immer wieder, wenn der Austausch der Kulturen so gut funktioniert.
| Amelie Haupt |

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Am nächsten Morgen wechselte ich den Host, da meine Freundin Anna noch am gleichen Abend kommen sollte und wir daher mehr Platz brauchten. Mein neuer Gastgeber José war Anfang 40 und arbeitete in einer Apotheke. Seine Bude lag leider in der Vorstadt, sechs Kilometer von Granadas Zentrum entfernt. Er bot sich jedoch sogleich als Fahrdienst an, da er schließlich ohnehin zum Arbeiten in die Stadt reinfahren musste. Wir mussten noch ein paar Lebensmittel einkaufen und fuhren daher zum Lidl. Die Spanier stehen total auf unseren deutschen Lidl, weil da alles so schön günstig ist. Freut einen ja immer wieder, wenn der Austausch der Kulturen so gut funktioniert.

Mittags fuhren wir dann in die Stadt. Er zur Arbeit und ich zur Verabredung mit Ross und Marcel. Dort waren wir zum Containern verabredet. Containern (auch Dumpstern) heißt in Mülleimern nach noch essbaren Lebensmitteln zu suchen, für gewöhnlich bei Supermärkten. In unserem Fall gab es eine Fruteria, also einen Obst- und Gemüseladen, der jeden Mittag um drei Uhr, vor der Siesta, die Abfälle in großen Mülltüten an der Hintertür abstellte. Mit der Einverständnis des Ladenbesitzers kamen jeden Tag um diese Zeit verschiedene Leute, meist vier bis acht Personen, um sich im Schatten der naheliegenden Kirche durch die Abfälle zu wühlen.
Das klingt alles erst einmal total verrückt und vielleicht auch eklig. Aber nur weil die Lebensmittel weggeworfen wurden, heißt es noch lange nicht, dass sie schlecht und vergammelt waren.
Sie waren einzig und allein nicht mehr in dem optisch einwandfreien Zustand, um sie zu verkaufen.

Ich durchsuchte erst zögerlich und dann immer begeisterter die Müllsäcke. Meine Fundstücke waren zahlreich: Einen Beutel voll Zwiebeln, in dem einige Zwiebeln schon verdorben waren, der Rest war jedoch noch vollkommen in Ordnung. Es gab jede Menge Tomaten, die nur ein wenig weicher waren als sonst. Die drei großen Köpfe Salat waren nur an den Äußeren Blättern braun und matschig geworden, der restliche Teil war noch frisch.

Und so ging es weiter und weiter. Jeder von uns kramte in einem der fünf Müllbeutel herum und legte alles was gut war in eine der Kisten. Es wird beim Containern zunächst alles gesammelt und anschließend kann sich jeder nehmen was er haben möchte. Dabei geht es natürlich fair zu und jeder denkt an den anderen.  “Hat sich schon jeder von den Tomaten genommen? Die sind wirklich gut!” “Kann ich noch was vom Thymian haben?” “Klar, ist noch jede Menge da!”
Ich fühlte mich in unserer Gruppe gleich wohl, lernte neue Menschen kennen und war erstaunt, wie problemlos die Aufteilung von statten ging.

In unserem Fall ging das ganze auch wieder in einem Kauderwelsch der Sprache zustatten, sodass ich gleich noch ein paar spanische Vokabeln der Küche lernen konnte. Außerdem tauschten wir uns darüber aus, wie man am besten mit den leicht lädierten Lebensmitteln umgehen kann. Marcel nahm sich eine der ziemlich weich gewordenen Mangos, massierte sie, sodass sie noch weicher wurde, biss ein kleines Loch hinein und konnte dadurch den Saft der Frucht einfach ausschlürfen. Bei allem, was ich auch den Müllbeuteln aß, fiel mir auf, dass es haargenau so schmeckte, wie aus dem Supermarkt gekauft. Wenn man sich auf seinen Geruchs- und Geschmackssinn und auf seinen menschlichen Verstand verlässt, dann ist Containern auch nicht gesundheitsschädlich.

Bei meiner Erzählung dieser Geschichte stoße ich immer wieder auf Unverständnis, Abneigung und Ekel. Für mich war es jedoch eine der interessantes Erfahrungen, die ich jemals machen konnte. Durch das Containern erfährt man einen neuen Umgang mit Lebensmitteln und lernt ganz neu zu schätzen, was Lebensmittel eigentlich ausmachen.  Wir sind zu sehr auf die Optik verfallen, anstatt uns darauf zu besinnen, wozu man Essen eigentlich nutzt: Zum Nähren und Genießen. Fortsetzung folgt…

 

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