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Wie wichtig ist das Feiern in einer weltweiten Pandemie?

Zu Beginn des Jahres 2022 prägte das Corona-Virus unseren Alttag immer noch spürbar. Strenge Regeln, Impfnachweise und FFP2-Masken gehörten fest […]
| Isabella Vormund |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Mika Baumeister I Unsplash

Karnevalsumzug

Zu Beginn des Jahres 2022 prägte das Corona-Virus unseren Alttag immer noch spürbar. Strenge Regeln, Impfnachweise und FFP2-Masken gehörten fest zum öffentlichen Leben und wir mussten wegen des hohen Infektionsrisikos weiterhin auf viele Dinge verzichten, die wir lieben. Ende Februar kam dann die Wende. Mit dem Start der Karnevalszeit schien das Virus plötzlich in Vergessenheit zu geraten und die Jecken durften nach der Zwangspause im letzten Jahr wieder feiern. Das war allerdings nur der Anfang, denn Clubs und Bars schließen auch nach dem Kostümfest nicht mehr. Partys sind wieder erlaubt. Auf die Frage, wie wichtig das Feiern in einer weltweiten Pandemie ist, folgen gemischte Antworten, wie sich am Beispiel Karneval deutlich zeigen lässt.

Diese Regeln galt es zu beachten

Pünktlich zur Weiberfastnacht trat eine Allgemeinverfügung der Stadt Münster mit Auflagen in Kraft, welche die Sicherheit und den Infektionsschutz während des Karnevals gewährleisten sollte. Alkoholisiert und ausgelassen feiern, ohne sich dabei anzustecken? Wenn das so einfach geht, warum machen wir das dann nicht schon längst so? 

In öffentlichen Bars und auf privaten Treffen durfte Karneval nur von geimpften oder genesenen Personen gefeiert werden, die zusätzlich ein negatives Testergebnis vorweisen konnten. So weit so gut, aber Achtung – jetzt wird es kompliziert. An der frischen Luft durftest du dich erst einmal ohne Impf- und Testnachweis bewegen. Kamst du den Kneipen allerdings näher als 50m, so musstest du eben doch wieder die 2G+-Regel erfüllen. Und als wäre das nicht schon verwirrend genug, waren Anwohner*innen wiederum von der Auflage ausgenommen.

Dreifach Geimpfte waren von dieser Regelung nicht ausgenommen – oder doch? Zumindest im Außenbereich der Kneipen durften sie ungetestet feiern. Wollten sie allerdings drinnen was trinken, musste eben doch wieder ein Testnachweis her.

Übrigens ist Tanzen für die Infektion besonders gefährlich. Deshalb mussten auch alle Tanzflächen in den Bars abgesperrt werden. Wer tanzte, flog raus, denn das enge Beieinandersitzen ohne Maske, das Schunkeln und Schmusen mit Wildfremden ist bei Weitem nicht so aerosolbelastet, wie das Tanzen. Ist doch offensichtlich. 

Und nun meine Lieblings-Regel. Der Rosenmontagsumzug ist nämlich abgesagt worden. Viel zu gefährlich, wenn sich die Kinder draußen mit Masken an der frischen Luft sammeln, um Süßigkeiten aufzufangen. Das „Saufen“ in engen Kneipen ohne Fenster, wo die Menschen ohne Masken sich die Gläser teilen, war jedoch erlaubt. Das ist es doch, worauf es beim Karneval ankommt, oder? 

Gemischte Gefühle unter den Beteiligten

Die Reaktionen auf die Beschlüsse waren sehr ambivalent. Einigen Bars in Münster, darunter das Peacock, waren diese Auflagen zu kompliziert und sie verzichteten bereits im Vorfeld auf das Karneval-Geschäft. Andere Betreiber*innen wiederum freuten sich darüber, endlich wieder öffnen zu dürfen und warben in den sozialen Netzwerken fleißig damit. „So Jeck wie möglich, so sicher wie nötig“ schrieb das Früh bis spät auf Instagram und lud die Feierwütigen zu sich ein. Aber konnten die ganzen Auflagen wirklich ausreichend eingehalten werden und wie viel Spaß macht das streng kontrollierte Feiern? Auch hier ist man sich uneinig.

“Diese Auflagenflut hat bei uns Karneval kaputt gemacht. Es hat nicht funktioniert, wir hatten sehr wenig Besucher. Inwieweit die aktuelle Ukraine-Situation dabei eine Rolle spielte, ist spekulativ.”

Christoph Hartig, Betreiber der Kneipe Schwarzes Schaf Münster

„Wir waren sehr gut besucht und sind für die Corona-Zeit sehr zufrieden. Die Leute hatten viel Spaß und waren dankbar. Das Schöne in Deutschland ist ja, jeder darf selbst entscheiden, ob er feiern gehen will oder nicht. Ich glaube, wir haben den Leuten die Chance gegeben, einfach mal drei Tage Gas zu geben und abzuschalten.“

Axel Bröker, Betreiber der Gastrokneipe Früh bis Spät Münster)

Nicht nur unter den Betreiber*innen, sondern auch unter den Bürger*innen löste die Entscheidung, Karneval stattfinden zu lassen, gemischte Gefühle aus. In den sozialen Medien ließen einige User*innen ihren Meinungen freien Lauf und teilten sie unter den Beiträgen der Betreiber*innen. Viele von ihnen konnten den Leichtsinn und die Widersprüchlichkeit der Corona-Bestimmungen nicht verstehen.

@wnonline via Instagram

Andere wiederum fanden die Entscheidung richtig und wichtig, um nach zwei langen Pandemie-Jahren wieder ein Stück Normalität einkehren zu lassen.

@wnonline via Instagram

Karneval als Wirtschaftsfaktor

Ich habe mich gefragt, warum das Feiern während der Karnevalszeit erlaubt war, obwohl die aktuelle pandemische Lage alles andere als entspannt ist. Bei der Suche nach einer plausiblen Antwort bin ich des Öfteren auf das Argument gestoßen, dass Karneval ein Brauchtum sei, welches einfach dazugehöre. Die fünfte Jahreszeit, welche die Menschen zusammenbringe und ein Wir-Gefühl erzeuge. Das Kostümfest sei für einige Rheinländer*innen seit der Kindheit eine Tradition und nehme teilweise einen höheren Stellenwert als Geburtstage oder Weihnachten ein. Für mich als geborene Niedersächsin, die nie viel mit Karneval am Hut hatte, unvorstellbar. Aber gut, ich respektiere die Traditionen der Rheinländer*innen. Skeptisch bin ich allerdings, dass das der einzige Grund dafür sein soll, das ausgelassene Feiern in schrillen Kostümen trotz 7-Tages-Inzidenzen über 1000 zu erlauben.

Ein kurzer Blick auf die Wirtschaftskraft des Kölner Karnevals zeigt, es handelt sich hier nicht nur um ein traditionelles, sondern vor allem auch wirtschaftliches Brauchtum der Rheinländer*innen. Die vielen tausend Partytourist*innen wollen während ihrer exzentrischen Feier auch bewirtschaftet werden und spülen dabei reichlich Geld in die Kassen von Hotel-, Bar-, und Einzelhandelbetreiber*innen. Unglaubliche 600 Millionen Euro Umsatz generiert Köln allein zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag. Die Tendenz war vor der Pandemie steigend. 6500 Arbeitsplätze hängen an der jährlichen Kostümparty, darunter nicht nur Gastronomen, sondern auch z.B. die Textilindustrie oder Veranstaltungstechnik.

Partys und Festivals dienen also nicht nur dem Spaß, sondern haben auch eine enorme Wirtschaftskraft für Gastronom*innen, Club- und Barbesitzer*innen, sowie vielen weiteren Veranstaltungsbranchen, was zu der Legalisierung des Karnevals und Wiedereröffnung der Tanzlokale beigetragen haben dürfte.

Wir alle sind das Corona-Virus leid und sehnen uns nach dem unbeschwerten alten Leben voller Partys, Festivals und Co. Clubs und Bars wieder regulär für Feierwütige öffnen zu lassen, ist sicherlich eine gewagte Entscheidung, die nicht alle Bürger*innen befürworten können, wie das Beispiel Karneval deutlich aufzeigt. Dennoch war die Karnevalszeit der Auftakt wiederkehrender Normalität und gab den Menschen trotz Pandemie ein Stück Lebensgefühl zurück.

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Quellen:

https://www.muenster.de/muenster_media/allgemeinverfuegung_karneval_2022_02_21.pdf

https://www.wn.de/muenster/diese-corona-regeln-gelten-zu-karneval-in-muenster-2533748

https://www.antennemuenster.de/artikel/karneval-mit-test-und-ohne-maske-1226683.html

https://www.deutschlandfunk.de/hintergrund-karneval-corona-100.html

https://www.bcg.com/de-de/press/25feb2019_BCG_Karneval_Germany

https://www.corona-in-zahlen.de/landkreise/sk%20münster/

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