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Das Böse in jedem von uns (?) – Review „A Haunting in Venice“

Der neue Kinofilm mit Kenneth Branagh in der Rolle des weltberühmten Ermittlers Hercule Poirot überrascht selbst eingefleischte Agatha Christie-Fans.
| Sandra Hein |

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Damiano Baschiera | Unsplash

Klassische Opernmusik ertönt und ein farbenfrohes Venedig erscheint auf der Leinwand. Die Zuschauer begleiten die Gondolieri auf ihrer Fahrt durch die weltberühmten Wasserstraßen, hin zu den wahren Stars der Stadt: Den teils heruntergekommenen, teils strahlenden, aber in jeder Hinsicht ehrwürdigen Palazzi. Das Wasser schwappt friedlich um den Bug und man entspannt sich sichtlich, während sich das Gefühl des dolce vita einstellt. Doch sowohl die Hauptfigur, Hercule Poirot, wie auch die Kinobesucher werden schnell in die Realität zurückgeholt. Der Schein trügt – das Böse lauert im Dunkeln. Eine Möwe kreischt, die Nacht bricht herein, der Markusplatz leert sich und liegt verlassen da. Die Schatten kriechen aus allen Ecken heran.

Ich sollte an dieser Stelle meine vorab positiv eingefärbte Grundhaltung gegenüber dem Film gestehen: Ich bin eine treue Agatha Christie-Bewunderin. Als solche habe ich nahezu alle Fälle verschlungen und alle Verfilmungen eventuell mehr als nur einmal gesehen. Doch diese Kino-Adaption mit Kenneth Branagh, zum dritten Mal in der Hauptrolle des weltberühmten Ermittlers, überrascht selbst eingefleischte Fans. Warum? Das erfahrt ihr hier!

Die „Queen of crime“: Agatha Christie (1890-1976)

Agatha Christie gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Autoren der Literaturgeschichte, sondern lebte ein unglaublich abenteuerliches Leben. Sie bereiste mit ihrem ersten Mann bereits in den 1920er-Jahren beinahe die ganze Welt und besuchte exotische Orte wie Madeira, Südafrika, Australien, Neuseeland, Hawaii oder Kanada. Sie setzte sich für die archäologische Arbeit ihres zweiten Mannes, Max Mallowan, finanziell ein und ermöglichte so die Erforschung sagenumwobener, antiker Stätten des Vorderen Orients. Letztlich verkörperte sie (unbewusst) das Bild einer emanzipierten, selbstständigen modernen Frau – und wurde für ihr literarisches Lebenswerk mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet. Der meistverkaufte Kriminalroman der Welt ist ihr Werk „Und dann gab’s keines mehr“ (1939).

Giovana Miketen | Unsplash Agatha Christie schrieb im Laufe ihres Lebens über 66 Romane, zahlreiche Bühnenstücke und Kurzgeschichten.

Never tell all you know oder die Frage nach dem Inhalt

Wir schreiben das Jahr 1947. Der Zweite Weltkrieg ist vorüber und der Meisterdetektiv Poirot hat sich aus seiner Rolle als Spürnase der Gerechtigkeit inmitten einer Welt der Gauner und Ganoven zurückgezogen: Er lebt ein beschauliches Leben in Venedig; sein Leibwächter hält Presse und aufdringliches Klientel zurück. Dann jedoch taucht eine alte Freundin, die Autorin Ariadne Oliver, auf und bittet ihn, sie an Halloween auf eine Séance zu begleiten. In einer Séance soll mithilfe eines Mediums, einer menschlichen Person, die angeblich mit den Toten sprechen kann, mit der Welt des Übernatürlichen in Kontakt getreten, Nachrichten aus dem Jenseits empfangen oder mit Verstorbenen kommuniziert werden.

Doch Oliver glaubt nicht an Geisterwelten: Sie wittert hinter dem Medium Joyce Reynolds einen Schwindel, der ihr Stoff für den nächsten Roman bieten soll. Der rational-abgeklärte Poirot soll das Geheimnis hinter Reynolds Tricks entlarven. Das Ganze findet jedoch in einem als Spukhaus berüchtigten Palazzo statt. Das ehemalige Waisenhaus, so der Volksglaube, werde von der sogenannten „Blutrache der Kinder“ heimgesucht, die während der Pest aus Angst vor Ansteckung in den Kellergewölben eingeschlossen und ihrem Schicksal überlassen wurden. Nun ist das Anwesen im Besitz der Opernsängerin Rowena Drake, deren zuvor verstorbene Tochter Alicia durch Reynolds „kontaktiert“ werden soll. Poirot identifiziert die Séance sehr schnell als Inszenierung der Gehilfen Reynolds, doch zu aller Überraschung scheint Reynolds dann doch eine „echte“ Vision zu erleben und behauptet, Alicia, die angeblich durch den Spuk der Kinder zum Suizid verleitet wurde, sei in Wahrheit ermordet worden…

Minuten später wird ein Mordanschlag auf Poirot verübt und gegen Mitternacht wird die auf einer Statue aufgespießte Reynolds entdeckt. Eingeschlossen durch venezianisches aqua alta (dt.: Hochwasser) sowie ein schweres Unwetter ist es nun an Poirot, den Fall zu klären. Sind es die Schatten der Kinder, deren Gelächter in den Gewölben man zu hören vermeint, die für Alicias und Reynolds Tod verantwortlich sind? Oder ist ist es gar jemand aus Fleisch und Blut gewesen?

Gothic pur! Ein verfluchter Palazzo an Halloween

Stephen McFadden | Unsplash Wer versteckt sich hinter einer Maske? Wer mag der Täter sein?

Diese Agatha Christie-Adaption ist zunächst eine der Ungewöhnlicheren: Nicht nur basiert der Film im Vergleich zu seinen Vorgängern („Mord im Orient-Express“ und „Tod auf dem Nil“) sehr lose auf den unbekannten Geschichten „Die Schneewitchenparty“ und „A daughter’s a daughter“. Er behandelt zudem paranormale Phänomene wie Geistererscheinungen, die eher dem Horrorgenre entsprechen und im ersten Moment nicht an Agatha Christies sonstigen Krimis erinnern.

Doch man erkennt auch hier die typischen „Christie“-Tricks wieder und der Film kann sich in die Reihen ihrer cosy crime stories einreihen. Denn wie oft kritisiert, existiert auch hier nur eine auf engem Raum zusammengetriebene, überschaubare Gruppe, bestehend aus Personen diversen sozialen Hintergrunds. Von diesen, so ist glasklar, hat jeder – wirklich jeder – ein Mordmotiv… Dieser enge Verdächtigenkreis macht den Gruselfaktor aus. Das „Böse“, so wird im Film angedeutet, lauert direkt unter denen, denen man in der Regel am meisten vertraut, das heißt unseren Freunden und engsten Verwandten. Nicht zuletzt eventuell sogar in uns selbst?

Gefallen hat mir an dieser Adaption besonders, dass hier keine reine Kriminalgeschichte erzählt wird, sondern an die Tendenz der Originalbücher Agatha Christies angeknüpft wird: Es werden vielschichtige, undurchsichtige Menschen mit diversen Motiven, Träumen und menschlichen Gefühlen gezeigt, deren Intentionen und Handlungen man letztlich auf gewisse Weise sogar verstehen und nachvollziehen kann. Der Film demonstriert wie in einer Sozialstudie, dass es letztlich die „kleinen Dinge“ im Leben sind, welche Menschen verunsichern, beängstigen oder sogar zum Mord verleiten können… Die Kameraführung mit ihren unruhig-wackeligen Aufnahmen, fallenden Linien und gut gewählten Bildausschnitte unterstricht dies grandios.

„Although [her] stories are often described as cosy crime, this is a bold, dark, troubling view of the world. [They] hold no illusions. They believe that evil may be found everywhere. In any relationship. In any of us.“

Lucy Worsley: Agatha Christie. A Very Elusive Woman, 2022, S. 329

Der Fokus des Films liegt hier eindeutig weniger auf der tatsächlichen Handlung, sondern auf den vielen Verhören, in denen besonders unter Anbetracht der Thematik der Geistererscheinungen Sujets wie Realität versus Fantasie, Jenseitsvorstellungen, Tod und Glaube in Dialogen verhandelt werden. Dabei treffen insbesondere die atheistische, beinahe zynische Weltsicht Poirots auf zum Beispiel die optimistischere, hoffnungsvolle Anschauung Ariadne Olivers. Ein Schaudern rufen deshalb gar nicht mal die paar Jump-Scares, sondern vielmehr die tiefgründigen Verhöre mit den Verdächtigen hervor, die allesamt durch den Krieg mehr oder weniger gebrochene Seelen darstellen und jeweils ihre sprichwörtlich eigenen „Geister der Vergangenheit“ mit sich tragen. „Manche Narben trägt man nicht auf seinem Körper“ hallt mir da noch nach. Poirot und die Zuschauer müssen sich damit auseinandersetzen, was es wirklich bedeutet, wenn es heißt: „Der Krieg ist zu Ende. Wir dürfen hoffen und Altes loslassen.“ Doch, so wird im Laufe des Films deutlich: Manches kann, soll und möchte nicht losgelassen oder begraben werden. Ich würde deshalb gerne eine Triggerwarnung aussprechen: Dieser Film ist insbesondere durch die Thematiken NS-Zeit und Kriegsneurosen nichts für sensible Menschen. An einigen Stellen hat man den Eindruck, als Zuschauer Cluedo zu spielen. Man beginnt mitzuraten: Wer? Wann? Mit welchem Motiv? Tathergang? In welchem Raum? Das Motiv des Hauses als Quelle des Schicksalhaften, der geheimnisvollen Stille, des häuslichen Dramas, welches sich letztlich in Mord zuspitzt, passt dabei hervorragend ins Bild… Dahinter steckt die Idee, dass sich ein Haus oder eine vertraute Person unerwartet und plötzlich von einer netten Örtlichkeit oder einer sympathischen Freundin zur bösartigen Kreatur wandeln kann:

„Gothic not in sense of seances or the supernatural, but in the sense that evil can enter, will enter, even the snuggest of homes; the sense nowhere is safe. From now (1926) on, Christie novels would firmly address dark, uncomfortable feelings. They address the darkness that can lurk within even normal, respectable people.“

Lucy Worsley: Agatha Christie. A Very Elusive Woman, 2022, S. 121

Hercule Poirot: Das Motiv eines zeitlosen Hoffnungsträgers

Insgesamt wirkt die Filminszenierung beinahe kabarettartig mit dem Palazzo in seiner Funktion als Bühne: Die Schauspieler verkörpern brilliant stark überzeichnete Figuren, die nach und nach vor Poirot ihre (für Venedig typische) Maske ablegen müssen… Dass der Film dennoch nicht ausnahmslos düster bleibt, ist vor allem der Hauptperson, dem Ermittler Hercule Poirot, zu verdanken. Der ihm anhaftende Witz steckt schon im Namen: Hercule ist französisch für Herkules, den muskulösen Halbgott der griechischen Mythologie. Im Gegensatz zu diesem wird hier aber ein eigensinniger Autist dargestellt, der uns zeigt, dass nicht die Muskeln, sondern die „kleinen, grauen Zellen“ beim Lösen eines Falles von Bedeutung sind. Der unerschütterliche Glaube daran, dass das Gute über das Böse triumphiert und das letztlich der „Underdog“ – die Gerechtigkeit in Gestalt Poirots – gewinnt, sind Kernelemente jedes Christie Buches, die für mich in einer guten Verfilmung enthalten sein müssen und im Film eindeutig eingearbeitet wurden.

„I know only that we cannot hide from our ghosts. Wether they are real or not. We must go on. We must go on living.“

Hercule Poirot in „A Haunting in Venice“ (2023)

Fazit: Für einen echten Christie-Fan ist der Film, als würde man durstig eine Cola trinken – prickelnd, wohltuend, kurzweilig genussvoll. Aber vom Prinzip, den Motiven und der Figurenkonstellation althergebracht und nicht vom Hocker reißend. Er entspricht den Erwartungen an eine gute Christie-Story und ist verlässlich gut. Einen Kinobesuch ist er allemal wert. Aber das nostalgischen Gefühl beim Mitfiebern und den Witz der Agatha Christie-Originalromane bringen meiner Ansicht nach weiterhin nur die alten Schwarz-Weiß-Klassiker mit sich.

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Sandra Hein

Liebt und lebt ihr Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie samt all seinen Klischees. Dazu gehört selbstverständlich Frida Kahlo und Vincent van Gogh als seine besten Freunde zu betrachten und sich in Pompeji ohne Stadtplan problemlos zurechtzufinden ;) Als kleiner Bücherdrache ernährt sie sich hauptsächlich von Abenteuern aus den Jules-Verne-Romanen oder alten schwarz-Weiß-Krimis und möchte als neue olympischen Sportart einen Besuchs-Marathon durch alle europäischen Museen vorschlagen. Sollte der Traumjob Kuratorin nicht in Erfüllung gehen, sieht sie sich als Geist in einem schottischen Castle. Freund*innen munkeln, dass sie wahrscheinlich mehr schwarzen Ostfriesentee als Blut im Körper besitzt…

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