Buchkritik

Der Palast der Meere – Eine Buchempfehlung

Volle Fahrt voraus in das England des 17. Jahrhunderts!
| David Neite |

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Bücher waren für mich schon immer mehr als nur ein Zeitvertreib bei allzu großer Langeweile. Ganze Welten können zwischen den Buchdeckeln entstehen und den begeisterten Leser gehörig fesseln. Das Genre der Wahl war dabei seit jeher Fantasy, Ausnahmen kamen eher selten vor. Denn warum sollte ich mir eine Geschichte in realistischem Setting einverleiben, wenn ich doch selbst jeden Tag welche erlebe? Umso mehr überraschte mich die Erkenntniss, dass auch historische Romane Potenzial haben, mich zu begeistern. Allen voran die von Rebecca Gablé – und aktuell ein zugegeben nicht ganz so brandaktueller Teil ihrer Saga um den Waringham-Clan. Also ab auf´s Sofa und rauf auf´s Meer!“Und wie werdet ihr euer Schiff nennen?” fragte John Hawkins. Isaac schaute aus dem salzverkrusteten Fenster auf das halbfertige Gerippe hinaus. “Das wird die Liberty”, antwortete er dann und sah Hawkins wieder ins Gesicht. “Denn es gibt kein höheres Gut als die Freiheit, meint ihr nicht?”

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Der Spott in der Stimme des jungen Seefahrers, dessen Persönlichkeit Rebbeca Gablé so eindrucksvoll detailgetreu auf die Buchseiten zu zaubern versteht, lassen sich diesem kurzen Ausschnitt natürlich schwerlich entnehmen. Er dürfte sich aber bei einer kurzen Erläuterung des Handlungsrahmens offenbaren. Zu diesem Zeitpunkt im Buch hat “Isaac Fitzgervais of Waringham“, einer der beiden Protagonisten im Roman “Der Palast der Meere”, nämlich schon einen eindrucksvollen Lebensweg hinter sich. Mit 14 Jahren hatte er kurzerhand entschlossen, sich der Verantwortung eines möglichen Erbes zu entziehen und schlich sich in den Frachtraum eines beliebigen Schiffes am Londoner Hafen. Und fiel somit ungewollt dem Kommando und der Willkühr John Hawkins, einem der berüchtigsten Freibeuter Englands, in die Hände. Der verkaufte ihn kurzerhand auf Teneriffa in die Sklaverei und holte ihn erst nach zwei Jahren wieder ab.

Wenn das schon nach einem überaus spannenden Setting klingt – und das ist es auch – hat dieser Roman wie auch die anderen Teile der Serie noch einen weitaus höheren Mehrwert: Im Gegensatz zum Schicksal des rebellischen Ausreißers aus gutem Hause wird die Geschichte seiner Schwester erzählt: Eleanor of Waringham, ihres Zeichens Auge der Königin Elizabeth und somit Eingeweihte in überaus viele ihrer Geheimnisse. Parallel erzählt der Roman also die Geschichte zweier Persönlichkeiten, die augenscheinlich trotz direkter Verwandtschaft unterschiedlicher nicht sein könnten – und straft diese Vermutung langsam, aber sicher Lügen. Mehr sei noch nicht vorweg genommen.

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So viel aber doch: Vor allem die eigene Recherche während des Lesens und danach bereitet Freude, denn die Hintergründe der spannenden Geschichte sind lupenrein gängiger Historie entnommen und nicht zuletzt deshalb auf ihre Weise so dermaßen authentisch. Gewissermaßen ist das Lesen der Waringham-Romane Geschichtsunterricht, der vom Staub stumpfer Fakten befreit wurde. Von John Hawkins, Francis Drake und anderen Freibeutern der Geschichte bis hin zur Königin und deren Beratern selbst – der Großteil der Ereignisse fand wirklich statt. Den Waringham-Clan selbst mag es zwar nie gegeben haben, die einzelnen Figuren (und auch hier sind es mehr als zwei) fügen sich aber so nahtlos in den geschichtlichen Rahmen ein, dass das eigentlich nicht auffällt.

Alle Schauplätze im “Palast der Meere” sind authentisch und vor allem auf drei Kontinente verteilt. Der Protagonist Isaac selbst nimmt schließlich zusammen mit Hawkins an einer der vielen Fahrten im Rahmen des “triangular trade” teil: von England nach Afrika, mit Sklaven beladen hinüber nach Amerika und mit den Reichtümern der “Neuen Welt” wieder zurück nach Europa. Die Kritik am Menschenhandel wird hierbei nicht nur an der lebendigen Darlegung der Überfahrten an sich deutlich, sondern auch an der Gesinnung des Protagonisten (zwei Jahre auf einer Zuckerrohrplantage können wohl Meinungen bilden). Selbst berühmte Schiffe wie die mächtige “Jesus of Lübeck” finden an dieser Stelle Erwähnung.

Aber auch die Intrigen, die derweil in England selbst entstehen und reihenweise von der überaus souveränen Eleanor of Waringham aufgedeckt werden, sind spannender als aus dem Geschichtsunterricht gewohnt. Auch eine entmachtete schottische Königin spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Das alles findet wie gewohnt in mehreren Teilen mit Jahresabschnitten statt, sodass auf etwa 1000 Seiten fast zwei ganze Leben beschrieben werden. Obwohl diese Figuren ausschließlich englischer Abstammung sind, ist Gablé übrigens deutsche Muttersprachlerin, die astrein zu formulieren versteht. Ein nicht zu verachtender Aspekt bei jeder Leseeinheit.

Fazit: Ein Ausflug in die fiktive Geschichte zweier Protagonisten, die sich im Rahmen echter Geschichte abspielt. Der “Palast der Meere” ist detailliert, spannend und informativ zugleich und so Liebhabern aller Genres uneingeschränkt zu empfehlen. Und spätestens wenn mit Freunden oder Bekannten ein Gespräch über die englische Geschichte entstehen sollte, lässt es sich nach dieser Lektüre prima besserwissen!

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David Neite

Hey Leute! Ich bin David, lese und schreibe gerne, veranstalte Poetry Slams, bin bekennender Fan guter Fantasyliteratur sowie (alter) Videospiele und habe vor, künftig viel zu reisen. Bei all dem könnt ihr mich, solltet ihr daran Interesse haben, hier auf seitenwaelzer begleiten.

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