Reportage

Spenden im Selbstversuch: World Vision – ein Interview

Jeder kennt die folgende Situation: man schlendert durch eine beliebige Fußgängerzone und wird aus mehreren Metern Entfernung schon verheißungsvoll angelächelt. Ein kurzer Moment genügt, um festzustellen, dass die Person die vor einem steht, besagtes Lächeln nicht aus reiner Nächstenliebe aufgesetzt hat, sondern einen Hintergedanken verfolgt. Kurz gesagt, es soll einem irgendetwas angedreht werden. Passieren diese Begegnungen öfter, gewöhnt man sich schnell eine Abwehrhaltung gegenüber diesen Personen an und schüttelt, ohne stehen zu bleiben und mit einem genervten Gesichtsausdruck, den Kopf. Selbst ein „Nein danke!“, gewöhnt man sich irgendwann ab, ohne zu wissen, mit welchem Anliegen man in diesem Moment überhaupt konfrontiert wird. Manchmal lohnt es sich jedoch einen kurzen Moment inne zu halten und einer möglichen Chance etwas Gutes zu tun, ihren Lauf zu lassen.
| Moritz Janowsky |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Jeder kennt die folgende Situation: man schlendert durch eine beliebige Fußgängerzone und wird aus mehreren Metern Entfernung schon verheißungsvoll angelächelt. Ein kurzer Moment genügt, um festzustellen, dass die Person die vor einem steht, besagtes Lächeln nicht aus reiner Nächstenliebe aufgesetzt hat, sondern einen Hintergedanken verfolgt.

Kurz gesagt, es soll einem irgendetwas angedreht werden. Passieren diese Begegnungen öfter, gewöhnt man sich schnell eine Abwehrhaltung gegenüber diesen Personen an und schüttelt, ohne stehen zu bleiben und mit einem genervten Gesichtsausdruck, den Kopf. Selbst ein „Nein danke!“, gewöhnt man sich irgendwann ab, ohne zu wissen, mit welchem Anliegen man in diesem Moment überhaupt konfrontiert wird. Manchmal lohnt es sich jedoch einen kurzen Moment inne zu halten und einer möglichen Chance etwas Gutes zu tun, ihren Lauf zu lassen.

Die soeben beschriebene Situation passierte mir, wie schon unzählige Male zuvor, in den letzten Tagen wieder: Die orangefarbene Regenjacke leuchtet mir schon aus einiger Entfernung entgegen und ich überlege, wie ich diese am besten umrunden könnte, ohne zu viel Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aus unerfindlichen Gründen bleibe ich jedoch stehen, und ehe ich mich versehe, befinde ich mich mitten in einem Vortrag über die Hilfsorganisation „World Vision“. Die Katze war aus dem Sack, ich soll also entweder spenden oder am besten eine Patenschaft für ein bedürftiges Kind übernehmen. Auf Durchzug geschaltet warte ich höflich lächelnd darauf, dass der Redeschwall aus der Kapuze endlich aufhört, und lege mir im Kopf eine Antwort zurecht, die etwas überzeugender klingt, als „Nein, danke!“. Überraschenderweise scheint der Redeschwall jedoch nicht zu enden und selbst nach mehreren Versuchen, mich da herauszureden, kommt immer wieder eine Erwiderung aus der orangefarbenen Regenjacke, in der sich, wie ich inzwischen erfahren habe, Marie verbirgt. Endlich gelingt es mir Marie erfolgreich abzuwimmeln, nicht ohne das Versprechen gegeben zu haben, bei einem Sinneswandel wiederzukommen. Leicht genervt setzte ich meinen Weg fort und denke über das soeben gehörte nach. Überrascht stelle ich fest, dass mir vor allem die Beharrlichkeit mit der versucht wurde, mich zu überzeugen imponierte und langsam reift in mir der Gedanke, dass ein bisschen zu spenden nicht wirklich schaden kann.

Nichtsdestoweniger beginne ich mich auch aus beruflicher, bzw. redaktioneller Perspektive für die Organisation bzw. die Personen, die für eine gute Sache auf der Straße stehen, zu interessieren. Auf meinem Rückweg komme ich erneut an der Gruppe vorbei und ein wenig später ist ein Interviewtermin ausgemacht.

Besagte Gruppe ist, wie schon erwähnt, für die Organisation „World Vision“ in den Fußgängerzonen unterwegs. World Vision gehört zu den weltweit größten Hilfsorganisation im Bereich Entwicklungshilfe und humanitärer Arbeit. Aus diesem Grund habe ich mich für euch mit Marie zusammengesetzt, um zum einen mehr über die Organisation zu erfahren, aber auch um herauszufinden, was eine frischgebackene Abiturientin dazu bewegt, sich in ihrer eigentlich freien Zeit zwischen dem Schulabschluss und einem möglichen Studium in verregnete Einkaufsstraßen zu stellen.

Fangen wir ganz vorne an, wie bist Du zu diesem Job gekommen bzw. was treibt Dich an, Dich hier für Entwicklungshilfe in den Regen zu stellen?

Erfahren habe ich von dieser Möglichkeit über eine Freundin und es hat mir direkt gefallen, etwas Sinnvolles zu tun und mich nicht acht Stunden am Tag an ein Fließband zu stellen. Zusätzlich zu der sinnvollen Arbeit lernt man echt viele nette Menschen kennen und allgemein steht der Kontakt mit Menschen im Vordergrund.

Hast du dir aus diesem Grund gezielt World Vision als Arbeitgeber ausgesucht, beziehungsweise hättest Du auch andere Organisationen vertreten können?

Die Vermittlung an die Unternehmen läuft bei uns über die Agentur „DialogDirect“. Zu Beginn der Tätigkeit hatte ich dann die Wahl, für welche Organisation ich werben möchte. Eine weitere Möglichkeit wäre „Amnesty International“ gewesen, aber mir hat World Vision am meisten zugesagt.

Wie ist der generelle Ablauf einer solchen Tätigkeit? Ihr fahrt also durch ganz Deutschland und bewerbt eure Organisation?

Richtig, man arbeitet jede Woche in einer anderen Stadt. Die Arbeitszeit ist immer von Montag bis Samstag, am Sonntag wird dann der Standort gewechselt. Dabei erfahren wir immer am Samstag, wo es als Nächstes hingeht. Ein weiterer Vorteil ist natürlich auch, dass man viel herumkommt und so viele Städte und Regionen kennenlernt.

Und diese Tätigkeit ist dann quasi der obligatorische Job nach dem Abitur, um möglicherweise ins Ausland zu gehen?

Ja genau, im November soll es nach Australien gehen.

Hast Du danach vor, weiterhin in diesem Bereich zu arbeiten oder vielleicht sogar ein Studium mit einem sozialen Schwerpunkt anzufangen?

Eigentlich bin ich, was die Zukunft angeht noch ziemlich offen. Durch den Job bei World Vision bin ich natürlich auf dieses Thema aufmerksam geworden und könnte mir gut vorstellen, auch in Zukunft in diesem Bereich zu arbeiten, vor allem weil man merkt, dass man wirklich was bewegen kann. Andererseits inspirieren mich die vielen Gespräche mit Menschen momentan sehr, auch auf andere Berufsfelder einen Blick zu riskieren. Die Möglichkeiten sind natürlich sehr vielfältig.

Um aufgrund der begrenzten Zeit auch noch ein wenig mehr über die eigentliche Organisation zu erfahren, würde ich gerne noch einige Fragen zur Struktur und zum Aufbau stellen. Interessieren würde mich vor allem wie die Spendengelder innerhalb von World Vision verteilt werden. Wie groß ist den letztendlich der Anteil, den die Hilfsbedürftigen erhalten?

Die Organisation behält 15,5% der Spenden als Verwaltungskosten ein. Somit geht selbstverständlich ein Großteil an die Hilfsbedürftigen. Man muss sich aber bewusst machen, dass ohne diese Nebenkosten keine Hilfe entstehen kann.

Wie gestaltet sich in diesem Zusammenhang die Verteilung der Spendengelder, also in welche Bereiche der Aufbauhilfe bzw. Unterstützung von Hilfsbedürftigen, wird investiert?

Bei einer Patenschaft profitieren zum Beispiel nicht nur das Kind, sondern auch die Menschen darum herum. Es werden Brunnen in den entsprechenden Dörfern gebaut und durch den persönlichen Kontakt zum Kind bekommt man direkt mit, dass mit der eigenen Spende etwas bewegt wird. Man kann aber natürlich auch ohne eine Patenschaft spenden, wenn man die Projekte einfach generell unterstützen möchte. Investiert wird dann u.a. auch in Katastrophenhilfe und weitere gemeinnützige Bereiche, also nicht nur in Aufbauhilfe.

Um noch mal auf Eure Arbeit auf der Straße zurückzukommen, wie ist, vorsichtig gefragt, die Erfolgsquote?

Eine genaue Zahl ist mir leider nicht bekannt, aber ca. 80% der Spendengelder werden mit Fund-Raising, also auch mit dem direkten Ansprechen beispielsweise in der Fußgängerzone eingenommen. Aus diesem Grund ist diese direkte Vorgehensweise sehr wichtig für World Vision, da leider die wenigsten Leute von selbst auf uns zukommen. Man kann sich aber selbstverständlich auch online informieren und spenden oder eine Patenschaft übernehmen. Verständlicherweise wollen sich viele nicht direkt vor Ort entscheiden ob und vor allem wie viel sie für einen guten Zweck investieren wollen. Manchmal sollte man sich aber mal einfach einen Ruck geben.

Das Team von seitenwaelzer.de bedankt sich an dieser Stelle für das Interview und möchte die letzte Aussage unserer Interviewpartnerin noch einfach unterstreichen. Gerade bei dieser Thematik kann es nicht schaden, sich nicht nur einmal einen Ruck zu geben.

Ein erster Schritt wäre, sich einfach mal zu informieren:
http://www.worldvision.de/
https://www.facebook.com/world.vision.deutschland?fref=ts

 

Noch mehr Stories? Folge seitenwaelzer:

Moritz Janowsky

"Sitzt gerne in schlecht klimatisierten Kinosälen auf unbequemen Sesseln und fotografieren kann er auch (nicht)"

Ein blonder Junge in Mexiko - Auch er gehört zu der Mennoniten-Familie

Zu Mittag bei den Mennoniten in Mexiko – Ein Leben wie im 16. Jahrhundert?

Der Name sagt alles – Serienreview The Terror

Star Wars: The Last Jedi Review

„Ein besseres Album wirst du wohl dieses Jahr hier nicht finden können!”

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir benutzen Cookies, mit der Nutzung unserer Webseite erklärst du dich damit einverstanden. Hier gibt's weitere Infos.