Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: The Canterbury Tales (Geoffrey Chaucer)

Wenn man sich mit literarisch oder historisch bedeutsamen Texten beschäftigt, dann bleiben Überraschungen nicht aus. Liest man beispielsweise einen Autor […]
| Dominik Schiffer |

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

unbekannt

Porträt Chaucers als Pilger im Ellesmere-Manuskript (um 1410) der Canterbury Tales

Wenn man sich mit literarisch oder historisch bedeutsamen Texten beschäftigt, dann bleiben Überraschungen nicht aus. Liest man beispielsweise einen Autor wie Thukydides, stellt man schnell fest, wie schmerzlich ähnlich zur heutigen Zeit vieles von dem klingt, was er über die Tendenzen der Menschen vor 2500 Jahren schreibt. Das hatte ich nicht erwartet und so ging es mir nun auch mit Geoffrey Chaucer (1342/43-1400). Wieder ein Werk in Reimform, aus dem Hochmittelalter, eine Gruppe von Pilgern verfolgend… Für mich lag der Schluss nahe, dass es hier einiges an strenger, pietistischer Literatur zu erkunden geben würde. Aber dann kam alles anders.

Auf der Straße zum Pilgerort Canterbury kehrt eine Gruppe von etwa 30 Pilgern aus allen Teilen der Gesellschaft in einem Gasthof ein. Es befinden sich Edelleute, Handwerker, Geistliche und Gemeine unter ihnen. Der Wirt des Gasthofes bietet ihnen nun eine Wette an: Er will mit der Gruppe nach Canterbury und zurück ziehen. Auf dem Weg soll jeder Reisende vier Geschichten zum Besten geben und wer den Wettstreit gewinnt, der soll ein fürstliches Mahl auf Kosten des Hauses genießen dürfen.

Von den geplanten 120 Geschichten konnte Chaucer leider nur 24 fertigstellen. Sie werden durch eine Rahmenhandlung miteinander verbunden und sind geprägt von der jeweiligen Weltanschauung der Erzählenden. So erzählt der Ritter eine Liebesgeschichte aus antiker Zeit, ein betrunkener Müller gibt eine zotige Geschichte um einen Ehebruch zum Besten und eine vornehme Dame ein Märchen um einen Mann, der herausfinden soll, was Frauen mehr als alles andere auf der Welt begehren.

Whan that April with his shoures soote
The droghte of March hath perced to the roote,
And bathed every veyne in swich licour
Of which vertu engendred is the flour;
Whan Zephirus eek with his sweete breeth
Inspired hath in every holt and heeth
The tendre croppes, and the yonge sonne,
Hath in the Ram his halve cours yronne,
And smale foweles maken melodye,
That slepen al the nyght with open ye
(So priketh hem nature in hir corages);
Thanne longen folk to goon on pilgrimages…

Canterbury Tales, General Prologue, Z.1 – 12.

Ich bin normalerweise ein großer Befürworter, wo es nur geht, Originaltexte zu lesen, aber in diesem Fall möchte ich dringend zu einer zweisprachigen Ausgabe raten, obwohl das Werk das erste war, das Mittelenglisch zur Literatursprache erhob. Deutsche Übersetzungen neigen zwar dazu, die Dichtung in Prosa umzusetzen, aber völlig ohne Anhaltspunkt durch so altes Englisch zu stolpern wird dem Lesegenuss sicher abträglich sein. Das wäre sehr schade, denn die Geschichten haben mir wirklich gut gefallen. Wo ich eine trockene Lektüre erwartet habe, bin ich vielmehr in ein Gesellschaftsbild hineingeraten, das darüber hinaus auch noch sehr vergnüglich geschrieben ist. Einige Episoden sind derart obszön, dass man sie vermutlich auch heute noch nicht einfach so veröffentlichen, geschweige denn in mittelalterlicher Literatur vermuten würde.

Literaturwissenschaftler*innen werden hier sicher einen reichhaltigen Fundus an rezeptionsgeschichtlich interessanten Querverweisen finden. Um noch einmal auf Thukydides zurückzukommen: er schrieb einen Bericht, keine Fiktion, aber dennoch hatte ich bei ihm das Gefühl, einem Menschen und seiner Zeit sehr nahezukommen. Dieses Gefühl hatte ich nun auch bei Chaucer. Seine Darstellung der gesellschaftlichen Klassen und ihres Selbstverständnisses, gefiltert durch den Blick eines Schriftstellers, machen die Canterbury Tales zu einer sehr spannenden und häufig auch sehr humorvollen Lektüre.

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Dominik Schiffer

Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.

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