Gesellschaft und Lifestyle / Kultur und Medien

Lese-Lust im Sommer – Empfehlungen der Redaktion

Du möchtest im Sommer mal wieder ein gutes Buch lesen und bist noch auf der Suche? Die Seitenwaelzer-Redaktion hat Tipps zusammengestellt, um dir einen Weg durch den Literatur-Dschungel zu bahnen.
| Dominik Schiffer, Marie Jakob, Michael Cremann, Lena Hortian, Robin Thier, Alex Schmiedel |

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Aline Viada Prado | Pexels

Es sind Semesterferien. Bevor es für Hausarbeiten und Klausuren wieder zurück an den Schreibtisch geht, sei aber jedem eine Verschnaufpause gegönnt, idealerweise bei schönem Wetter. Und was kann man in der warmen Jahreszeit auf einer Picknickdecke oder dem Balkon am besten tun, außer sich die Sonne auf den Pelz brennen zu lassen? Genau, lesen! Für diesen wunderbar entspannenden Zeitvertrieb haben wir in der Redaktion herumgefragt und einige Empfehlungen gesammelt.

MAGIE & MILCHSCHAUM von Travis Baldree (Marie)

Ihr habt Lust auf Fantasy, aber in cozy und wholesome? Ihr wollt in eine fantastische Welt eintauchen und habt keine Lust auf die nächste epische Schlacht, deren taktischer Beschreibung wieder mehr Seiten gewidmet werden als euch guttut? Dann ist „Magie & Milchschaum“ aus dem dtv Verlag das richtige Buch für euch.

Autor Travis Baldree erzählt die Geschichte von Viv, der mutigen Ork-Kriegerin, die ihr Schwert wortwörtlich an einen Nagel hängen will – und zwar in ihrem eigenen Kaffeehaus. Ärgerlich nur, dass niemand in der Hafenstadt Thune weiß, was Kaffee ist. Doch gemeinsam mit dem handwerklich begabten Kobold Cal, der tatkräftigen Succubus Tandri und dem backenden Rattenmann Fingerhut wird aus ihrem Café schon bald ein großer Hit. Kein Wesen der fantastischen Welt kann Vivs Köstlichkeiten widerstehen, selbst die Madrigal, die Königin der Unterwelt von Thune wird ein Fan. Aber leider lockt ihr Erfolg, der vielleicht ein bisschen magische Unterstützung hatte, auch Neider auf den Plan. Der böse Elf Fennus lauert ihr auf und plötzlich steht ihr Kaffeehaus in Flammen. Kann sie verteidigen, was sie am meisten liebt? Und ist es das Kaffeehaus oder doch Tandri, ohne die sie nicht mehr leben kann?

Das perfekte Lesevergnügen für Tage, an denen einem der Rest der Welt gestohlen bleiben soll und einem nach der aromatischen Umarmung eines (Eis-)Kaffes ist. Allerdings sollte das Buch mit Vorsicht genossen werden, es könnte zu einem erhöhten Kaffeegenuss und großer Lust auf Zimtschnecken führen!

Die Besteigung des Rum Doodle von William E. Bowman (Dominik)

Wer zu denjenigen gehört, die im Koffer keinen Platz mehr für einen dicken Wälzer haben, wird an dieser schmalen Bergsteigersatire seine Freude haben. Der Autor schrieb sie 1954, ohne England je verlassen, geschweige denn einen Berg bestiegen zu haben.

Es handelt sich um den fiktiven Reisebericht eines namenlosen Expeditionsleiters, der damit beauftragt wird, den höchsten Berg der Welt, den Rum Doodle, zu besteigen. Er stellt sein Team zwar aus einschlägigen Experten zusammen, doch geht bei dieser Reise so ziemlich alles schief, was man sich nur vorstellen kann (und auch, was man sich nicht vorstellen kann): Der Arzt ist ein ewiger Kranker, der Wissenschaftler erhält bei jedem Experiment dieselbe Zahl und der Übersetzer kommt mit den Trägern nicht zurecht. Und dann ist da noch der einheimische Koch, der zum Frühstück Gabeln raspelt und Gummi brät. Der Expeditionsleiter bringt außerordentlich viel Verständnis und Optimismus auf, doch was hilft ihm das, wenn er keine einzige Situation richtig einschätzt?

Freunde des trockenen britischen Humors werden hier auf ihre Kosten kommen, insbesondere, wenn sie das Buch in der britischen Originalversion lesen. Der Autor versteht es sehr gekonnt seine Figuren zu überzeichnen, erschafft dabei aber gleichzeitig eine so lebendige Welt mit sowohl absurd-urkomischen wie auch rührenden Episoden, dass die Leser bei Erscheinen des Buches teilweise davon ausgingen, es hier mit einem echten Bericht zu tun zu haben. Dringend lesen!

Relativer Quantenquark von Holm Gero Hümmler (Michael)

Wenn man schonmal sitzt, kann man sich auch bilden. So, oder so ähnlich mag es ja auch dem einen oder der anderen Urlauber*in durch den Kopf schießen, wenn es an die Auswahl der diesjährigen Lektüre geht. Es soll also urlaubshaft unterhaltsam und dennoch bildend sein? Bitte sehr:

Quanteneffekt, Quantensprung, Quantentechnologie … all das klingt mehr nach Star Trek, als nach wirklicher Wissenschaft und doch gibt es zwei dieser drei Dinge wirklich und ein drittes ist im Werden begriffen. Das Problem dabei ist, dass sowohl Physiker*innen, als auch Schwurbler*innen diese – und viel mehr – Begriffe nutzen. Zweitere oft wesentlich öffentlichkeitswirksamer als erstere – was in unseren Köpfen zu einer Menge „Quantenquark“ führt. Hier setzt Holm Gero Hümmler, seines Zeichens Quantenphysiker und seit neuestem Vorsitzender der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. [GWUP] an. Er greift hier und dort Behauptungen von esotherischen Unternehmensberatungen, schwer alternativen Heilpraktikpraxen und Wahrsager*innen auf und erklärt anhand dieser Beispiele das jeweils echte Phänomen und die weit darüber hinaus fantasierten Ideen der Schwurbler*innen. Ein unterhaltsamer Ritt durch einen Teil der Physik, der mir zuvor wirklich nur aus Star Trek „bekannt“ war.

Allen, die sich für Physik (einfach erklärt, keine Angst!) begeistern, die Argumente gegen die eine oder andere steile These der*s familieninternen Geistheilerbesuchenden suchen, oder die einfach wissend lächeln wollen, wenn mal wieder von einem Quantensprung in der Politik gesprochen wird, sei dieses Buch an Herz und Hirn gelegt.

Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky (Lena)

Wer im Urlaub Lust hat, sich mit anderen als den alltäglichen Dingen zu beschäftigen und eine kleine Stippvisite in andere (Bundes-)Länder unternehmen möchte, wird sich mit diesem Buch gut aufgehoben und unterhalten fühlen, denn es bietet eine überraschende Perspektive auf ein buntes Themen-Spektrum, das sich seiner Ernsthaftigkeit bewusst ist.

Der Roman ist zwar schon 2011 erschienen und die Autorin ist längst kein Geheimtipp mehr, dennoch bin ich erst neulich auf diesen kurzweiligen, aber intensiven (Bildungs-)roman gestoßen und möchte alle ermutigen, sich nicht von dem Untertitel abschrecken zu lassen. Lest vorher besser keine Inhaltszusammenfassung, denn sie können der Relevanz und Aktualität der Thematik nicht gerecht werden. Auf etwas über 200 Seiten verknüpft die Autorin verschiedene Fakten, die wir alle wahrscheinlich mal gekannt, aber nach dem Abi vergessen haben, eine persönliche Lebensgeschichte mit herber Kritik am Bildungssystem. Um euch nicht zu spoilern, nur soviel: Die Geschichte hat mich durch die kühle Distanz der Erzählerin schon in den ersten warmen Wochen dieses Jahres angenehm temperiert auf meiner Picknickdecke festgehalten und war dabei gleichermaßen involvierend wie reserviert – eine erfrischende Haltung für den Sommer.

Ein Magier von Erdsee von Ursula K. Le Guin (Robin)

Zwar bin ich reichlich spät dran, immerhin ist das Buch schon von 1968, aber dieses Jahr habe ich mich endlich mal an DEN Fantasy-Roman gewagt, von dem ich so viel gehört, den ich aber bisher immer sträflich vernachlässigt habe. Und jetzt wünsche ich mir, ich hätte das Buch schon vorher zur Hand genommen, denn es stellt die perfekte Lektüre für Zwischendurch dar – für Fans von Fantasy und allen, die gern einmal in das Genre reinschnuppern möchten.

Aber von Anfang an: Die Erdsee-Geschichten von Ursula K. Le Guin, spielen in einer Welt, die aus lauter Inseln auf einer schier endlosen See besteht. In dieser Welt lebt ein Junge namens Duni, der aus einfachen Verhältnissen kommt, aber in dem eine gewaltige Macht schlummert. Als er, gefördert durch seine Tante, sein magisches Talent erkundet und zur Zauberschule geschickt wird, wird er von seiner Macht jedoch übermannt und ist von nun an auf der Flucht … Was als Geschichte zunächst bekannt klingt – Harry Potter und Co kommen einem sofort in den Kopf – stellt hier quasi die Ur-Geschichte der modernen Fantasy-Geschichten dar. Und die Handlung schlägt dabei doch unvorhersehbare Wege ein. Vor allem ist es aber der Schreibstil der „Großmutter der Fantasy“, der einen das Buch nicht mehr weglegen lässt. Le Guin erschafft eine Welt der kleinen Geschichten, in der man sich fühlt, wie in einem Mikrokosmos. Jede Figur hat eine Geschichte, jeder Ort ist voller Leben und obwohl sie sich nicht wie andere bekannte Autor*innen in endlosen Beschreibungen der Welt verstrickt, schafft sie es, dass man sehr schnell mit der Welt und den Figuren mitfühlt.

Besonders hervorzuheben sind dabei auch die, für die damalige Zeit, sehr fortschrittlichen Gedanken im Buch. So sind viele verschiedene Figuren unterschiedlichster Ethnizität und Hautfarbe vertreten und es geht viel um das Gleichgewicht zwischen Menschen und Natur zwischen Geben und Nehmen. Es geht nicht um große Kriege oder die Bedrohung der Welt, es geht um die Menschen in dieser Welt, die alle ihre eigenen Probleme, ihre eigenen Geschichten haben. Beim Lesen, bzw. Hören des Buches habe ich mir mehrfach Welten wie aus den Studio-Ghibli-Filmen vorgestellt. Kein Wunder, dass es auch eine Ghibli-Verfilmung von Erdsee gibt, die allerdings sehr stark von den Büchern abweicht.

Wenn euch also nach einer schönen und wunderbar erzählten Fantasy-Geschichte ist, dann schaut euch „Der Magier von Erdsee“ einmal genauer an. Übrigens gibt es vom WDR auch eine kostenlose Podcast-Hörspiel-Version.

Plant Words von Joe Richomme und Emma Wayland (Alex)

Der Sommer ist nicht nur eine Zeit zum Schwelgen, sondern auch zum Wachsen und Gedeihen. Das gilt für menschliche Herzen, die im einen oder anderen Sommernachtstraum aufblühen. Egal ob in alten Klassikern wie „A Midsummer night’s dream“ von William Shakespeare oder neuen wie „The Interestings“ von Meg Wolitzer: Um den Traum von langen Sommernächten, Freundschaften, Liebe und auch Hass legt sich stets ein verwunschener Mantel namens Flora: Sei es in magischen Wäldern mit Feen, Liebestränken und tanzenden Eseln wie bei Shakespeare oder musikalischen Sommercamps und mückenzerstochenen Lagerfeuerszenen bei Wolitzer.

Darum lohnt es sich auch einen etwas genaueren Blick auf diese rankenden Wunder zu werfen und ihre Sprache zu lernen. „Plant Words“ von Joe Richomme und Emma Wayland schafft genau das: Das Buch stellt 250 Wörter der englischen Sprache rund um das Thema Botanik vor. Dabei greifen in den Einträgen Biologie, Kultur, Geschichte, Kochkunst, Medizin sowie Kunst und Sprache ineinander wie zwei Kletten, die einander nicht mehr loslassen.

Die Begriffe sind auch breit aufgestellt, sodass für alle Arten von Pflanzenliebhaber*innen etwas dabei ist. Neben Grundlagen wie Knollen, Pollen, die einführend erklärt werden, bekommen auch mit der Materie vertrautere Lesende, was sie wollen. Denn eine artenreiche Wiese von vorgestellten Begriffen blüht zwischen Einträgen wie „Infloreszenz“, „Hallucinogene“, „Palaeobotanik“ und „Phytogeografie“ auf. Für alle Fans von Balkonkräuterbeeten, kühlen Waldlichtungen und unseren Sauerstoff produzierenden Kumpels in Grün ist das, in mehrerlei Sinn anschaulich illustrierte, Buch eine Sommerlesefreude!

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Dominik Schiffer

Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.

Marie Jakob

Marie studiert Strategische Kommunikation in Münster. Die Liebe zum „Schreiben“ besteht seit dem ersten Kontakt mit einem Stift, auch wenn die Ergebnisse anfangs noch in Form von abstrakten Zeichen seitens der Kritiker*innen kontrovers diskutiert wurden. Jetzt werden maximal noch die Themen, für die sie sich interessiert, kontrovers diskutiert: Philosophie, Politik, Diversitäts·sensibilität und Dog Content.

Michael Cremann

Ist meist dort zu finden wo die laute Musik für andere klingt wie ein Autounfall. Wirbt Geld für den Guten Zweck ein oder gibt Führungen durch Münsters Ruine Nummer eins. Dazu wird noch getanzt und wenn dann noch Zeit ist, Geschichte und Archäologie studiert.

Lena Hortian

Ich mag gutes Essen (wer tut das nicht?) und treibe tatsächlich gerne Sport, obwohl mein Schweinehund da auch noch ein Wörtchen mitzureden hat. Zeitgleich studiere ich Literatur und Medien. Meine Wahlheimat Münster ist für das alles und noch viel mehr zum Glück bestens geeignet, auch wenn ich mir als Rheinländerin hier noch ein paar Berge wünsche.

Robin Thier

Gründer von seitenwaelzer, lebt in Münster und beschäftigt sich in seiner freien Zeit mit Bildbearbeitung, Webseitengestaltung, Filmdrehs oder dem Schreiben von Artikeln. Kurz: Pixelschubser.

Alex Schmiedel

Seit 2019 unterstütze ich das Team mit Illustrationen, Gestaltung, Artikeln und einer stets schwingenden intersektionaler Feminismus-Keule. Ursprünglich bin ich jedoch als Fan des Heldenpicknicks auf Seitenwaelzer gestoßen. Meinen Bachelor habe ich in Mediendesign in Münster absolviert und nun studiere ich Medienwissenschaft im Master in Bochum und arbeite im Bereich Mediendesign. Für Interactive Fiction, Podcasts, Animation und Musik schlägt mein Herz, ebenso wie für Aufklärung über diverse politische Themen, insbesondere Geschlechterdiversität und medizinische sowie antiableistische Gleichberechtigung.

Sandra Hein

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