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Einen Sojacappuccino, bitte! – Alles Trend oder echte Unverträglichkeit?

| Timea Wanko |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Sojacappuccino Trend

Als Barista in einem kleinen schönen Café im hippen Münster bin ich hautnah an den Soja-, Mandel- und Hafermilchtrinkern dran. Immer öfter werden Sojacappuccinos getrunken oder es wird nach laktosefreien Kuchenvarianten gefragt. Auch einige meiner Freunde verzichten mittlerweile auf Laktose oder Gluten. Wie kommt’s? Die Medien postulieren ebenfalls häufig, dass es diese „Intoleranzen“ vor 10 Jahren noch nicht gab.
Als Barista und Biologiestudentin wollte ich dann unbedingt der Frage nachgehen: alles nur Trend oder echte Unverträglichkeit?

Biologischer Hintergrund zur Laktoseintoleranz:

Normalerweise wird Laktose (der Milchzucker) durch das Enzym Laktase bereits im Dünndarm gespalten. Bei einer Laktoseintoleranz liegt das Enzym in zu geringen Mengen vor, sodass die Laktose nicht komplett verdaut werden kann. Somit gelangt sie in den Dickdarm, in dem die Darmbakterien versuchen, die restliche Laktose zu verdauen. Dies führt aber zu Gährungsprozessen, die der Grund für die auf den Laktosekonsum folgenden Darmbeschwerden sind. Die Symptome können Unwohlsein, Bauchschmerzen, Durchfall und/oder Erbrechen sein. Bei einer starken Intoleranz treten die Symptome in verstärkter, bei einer Unverträglichkeit in schwacher Form auf.

Und trotzdem bleibe ich immer bei der Frage hängen: Reagieren heutzutage wirklich so viele Menschen auf laktosehaltige Lebensmittel oder ist der Verzicht auf Laktose eine moderne Erscheinung von ernährungsbewusster Selbstinszenierung? Ich habe mich in die Thematik eingelesen, mich mit Freunden ausgetauscht und auch Menschen mit vom Arzt bestätigter Intoleranz befragt.

Meine Überlegungen und Ergebnisse im Schnelldurchlauf:

– Bauchschmerzen kann jeder haben! Wir sitzen viel mehr als noch vor einigen Jahrzehnten. Natürlich grummelt der Magen, wenn man zwei Lattes trinkt, nachdem man acht Stunden am Schreibtisch gesessen und sich nicht bewegt hat.

Viele Menschen interpretieren Magengrummeln direkt als Unverträglichkeit. Vorsicht vor Halbwissen und eigenständigen Diagnosen. Bei so “schwammigen” Symptomen kann es sich wirklich um alles oder nichts handeln. Ein Arzt sorgt hier mit einem medizinischen, leicht durchführbaren Laktoseintoleranztest für Klarheit!

Chai, Cappuccino, Milchkaffee & Latte Macchiato sind Trend geworden, so auch Joghurte und Shakes. Damit nimmt generell der Verzehr von Milchprodukten zu. Auch Fertiggerichten wird oft Milchpulver beigesetzt, sodass Laktose in vielen Produkten zu finden ist.

Egal ob viel oder wenig Laktose, sie regt die Verdauung an. Wer also zwei große Milchkaffees mit insgesamt ca. 800ml warmer aufgeschäumter Milch trinkt, geht so oder so häufiger auf die Toilette.

Unser industriell hergestelltes und verarbeitetes Essen enthält heutzutage überdurchschnittlich viel Zucker und Weizenmehl – darauf kann man mit ähnlichen Symptomen reagieren.

– Ernährungsbewusstsein ist einfach Trend geworden und verhilft zur Selbstdarstellung – nach dem Motto: Ich möchte auf mich und meinen Körper achten. Kein Laktose oder Gluten zu essen und zu trinken, gilt als gesund und ernährungsbewusst.

Schade dabei ist, dass Geschäfte diesen Trend ausnutzen und diese Produkte meist zu überteuerten Preisen anbieten. Möchte man das unterstützen? Im gleichen Zuge lässt sich aber ebenso fragen, ob man die Ausbeute von (Bio-)Milchbauern fördern möchte…

Im weltweiten Vergleich sind 70 % der Menschen laktoseintolerant. In Europa sind die Zahlen viel geringer, was evolutive Gründe hat. Durch eine jahrtausendlange Viehkultur auf dem europäischen Kontinenten hat sich eine Laktoseverträglichkeit evolutiv entwickelt. Hierzulande tritt demnach nur bei 15% eine Laktoseintoleranz auf. Daraus folgt eine höhere Prozentzahl für Menschen mit einer Laktoseunverträglichkeit. Wenn also jeder fünfte in deinem Umfeld Laktose nicht verträgt, ist das ganz normal.

Einige meiner Freunde finden Soja-, Mandel- und Hafermilch einfach lecker. Also Vorsicht vor zu schneller Urteilsbildung, wenn der Cafégast neben dir wieder mal den Milchkaffee mit Hafermilch bestellt.

By the way: Stimmen werden laut, dass der Sojaanbau selbst so seine großen Schattenseiten hat wie beispielsweise die Abholzung des Regenwaldes. 98 % des Sojaanbaus werden jedoch für die Fütterung von Masttieren verwendet. Nur 2 % machen den gesamten Anteil an Sojaprodukten wie Sojamilch, Tofu & Co. aus.

Umgekehrtes gilt für Mandelmilch – sehr vergleichbar zum Avocado-Trend. Viele wissen nicht, dass Mandeln sehr viel Wasser bis zur ihrer Entstehung brauchen. Zudem wachsen Mandelbäume meist in trockenen Gegenden mit Dürreproblemen. Sehr nachhaltig scheint der Verzehr also nicht zu sein – aber in Maßen natürlich trotzdem vertretbar.

Mehr Input zum Thema Nachhaltigkeit kannst du hier finden!

Ein paar weitere statistische Zahlen bringen ein bisschen Ordnung in die Diskussion. Ja, in Deutschland haben statistisch gesehen 20 % mit irgendeiner Form von Laktoseunverträglichkeit zu kämpfen. Trotzdem besitzen 80 % der KäuferInnen von laktosefreien Produkten keine Laktoseunverträglichkeit – so das Ergebnis einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung. Diese eindrucksvollen Zahlen führen ExpertInnen sowie das Bundeszentrum für Ernährung hauptsächlich auf den Lifestyle-Food-Trend zurück. Des Weiteren ist in den letzten Jahren ein Zuwachs von mindestens 10 % jährlich an laktosefreien Produkten auf dem Markt zu verzeichnen. Dies deutet ebenfalls daraufhin, dass bei einer gleichbleibenden Zahl von laktosesensiblen Menschen die Nachfrage nach laktosefreien Produkten steigt und somit ein deutlicher Trend bemerkbar ist.

Wie man das Blatt auch wendet, ob es Trend oder Intoleranz/Unverträglichkeit ist, hängt wirklich von der einzelnen Person ab. Fakt ist jedoch, dass Essen immer mehr ein Thema und immer mehr Trend wird und es so auch normal ist, dass mehr darüber gesprochen wird. Wo es früher Tabu war, über seine Darmaktivitäten zu sprechen, ist es nun normal, seine Unverträglichkeiten auszuplaudern. Auf Instagram werden Food-Posts geliebt, vor allem diejenigen, die in Richtung healthy kitchen und vegane/pfanzliche Ernährung gehen.

Aber ehrlich: Ein bisschen weniger Milchprodukte oder weniger Gluten schadet nicht. Weniger Milch kann die Haut besser machen und weniger Gluten kann den Blähbauch reduzieren. Calcium bekommst du übrigens auch über Bohnen, Brokkoli, Petersilie und Basilikum. Also keine Angst, dass das Weglassen deiner Frühstückjoghurts oder deines abendlichen Milchglases deinen Knochen schaden würde.

 


 

Quellen & Artikel zum Weiterlesen:
https://www.stern.de/gesundheit/ernaehrung/angst-vor-laktose-und-gluten–warum-jetzt-alle-ernaehrungshypochonder-sind-7497958.html

https://www.stern.de/wirtschaft/news/laktose-wahn–das-geschaeft-mit-der-lebensmittelunvertraeglichkeit-6803888.html

https://newsroom.nagel-group.com/rubriken/lebensmittel-ernaehrung/laktoseintoleranz.html

http://www.zeit.de/2013/48/ernaehrung-essen-lebensmittelunvertraeglichkeit

http://www.paradisi.de/Health_und_Ernaehrung/Erkrankungen/Laktoseintoleranz/News/79370.php

https://www.zentrum-der-gesundheit.de/zucker.html

https://utopia.de/ratgeber/mandelmilch-milchersatz-alternative

https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/kennzeichnung-und-inhaltsstoffe/laktosefreie-lebensmittel-nicht-fuer-jeden-sinnvoll-11053
http://web.ard.de/themenwoche_2010/?p=1162

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Timea Wanko

… studiert im schönen Münster und liebt Bücher, Musik, Reisen, Kaffee & Kultur. Hauptsächlich lektoriert sie für seitenwaelzer, aber ab und zu kitzelt es ihr in den Fingerspitzen, dann schreibt sie auch mal selbst einen Artikel über Kommas & Konzerte.

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