Reportage / Studium

Nach Wien – Wegen der Sprache?

"Grüß Gott – I hätt gern an Käskrainer mit an Buckl und an G'schissnen. Dazu an Verlängerten und an 16er-Blech" (1) – eine Bestellung, die ein Wiener zwar nie in dieser Kombination aufgeben würde, aber die sprachlich durchaus dem Standard entspräche. Daher kann man nicht sagen, dass „Wien - wegen der Sprache“ so ironisch ist, wie es zuerst klingt. Die sogenannte Sprachbarriere kann durchaus auch innerhalb einer einzigen Sprache zu mehr als Komplikationen führen.
| Michael Cremann |

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Michael Cremann

Grüß Gott – I hätt gern an Käskrainer mit an Buckl und an G’schissnen. Dazu an Verlängerten und an 16er-Blech” (1) – eine Bestellung, die ein Wiener zwar nie in dieser Kombination aufgeben würde, aber die sprachlich durchaus dem Standard entspräche. Daher kann man nicht sagen, dass „Wien – wegen der Sprache“ so ironisch ist, wie es zuerst klingt. Die sogenannte Sprachbarriere kann durchaus auch innerhalb einer einzigen Sprache zu mehr als Komplikationen führen.

Wer mit seinem „Hochdeutsch“ in dieser Stadt versucht, sich zu verständigen, stößt relativ schnell an Grenzen, die er so schnell nicht erwartet hätte. Versucht man zu seinem Einkauf beispielsweise eine aus Plastik bestehende Tragetasche zu ordern und tut das, indem man nach einer Tüte fragt, wird man im besten Falle mit dem unfreundlichen „Meinens’ an Sackerl?“ belohnt, im schlimmsten Falle auch einfach ignoriert. Freut man sich auf die Weihnachtszeit und lädt zum Plätzchen backen ein, so weiß niemand, was gemeint ist und bis man versteht, dass man hier „Kekse“ zu backen hat, ist Silvester.

Im Folgenden berichten Michael (Geschichte und Archäologie in Münster) und Rebecca (Konzert- und Operngesang in Detmold) über ihre Erlebnisse während ihrer Auslandssemester in Österreichs Hauptstadt Wien, die zufällig gleichzeitig von September 2014 bis Februar 2015 stattfanden.

 

Michael

Jetzt aber mal im Ernst – warum geht Michael für ein Semester nach Wien zum Studieren?

Eins steht fest: Der Grund ist nicht die Partymeile, wie man es sonst so häufig von Erasmus- Studenten kennt und beinahe erwartet – gut im Gegensatz zu dem was Rebecca in Detmold geboten wird ist Wien schon High-Class, aber gegen Münster …

Das Bier mag zwar nach deutschem Reinheitsgebot gebraut sein, doch für mich als einen Westfalen, der mit Pils sozialisiert wurde, schmeckt es eher wie ein “BMW” (2) vom Schützenfest. Traurigerweise verfügt es aber um 0,5% mehr Alkohol, was seine Wirkung doch merklich verstärkt und auch den nächsten Morgen weniger angenehm gestaltet.

Auch die Rauchergesetzgebung trägt für den Großteil der Deutschen nicht zur Aufwertung der Clubs bei. Anders als in Deutschland darf man rauchen, wo man möchte, wann man möchte und was man möchte. Wien ist die Hauptstadt der Raucher, ob es Zigarette, Zigarre, Zigarillo oder Pfeife ist: mindestens ein Rauchwerk von jeder Sorte findet man glimmend in jedem Etablissement. Für mich als eher großgewachsenen, schwarz tragenden, bärtigen Mann ist es geradezu abnormal auf die Fragen „Hoast moal a Feuer?“ und „Hoast moal a Chick?“ (3) mit einem entschuldigenden „ä sorry, bin Nichtraucher“ zu antworten.

Noch ein wichtiger Faktor dafür, dass ich mich lieber in Münsters Kneipen als in Wiens Beisln herumtreibe, ist das Alter der Anwesenden. Wo in Münster fast jeder Laden erst ab 21 Jahren Einlass gewährt und die guten alten Bauernpartys, auf denen auch Sechzehnjährige zu finden sind, weil sie sich mit dem Ausweis der großen Geschwister Zugang verschafft haben, abfällig als Kindergeburtstag beschimpft werden, ist in Wien jeder Laden, jeglicher Alkohol und jegliches Rauchwerk ab 16 freigegeben. Wählt man also aus Versehen, oder weil man gerade erst angekommen ist, den „falschen“ Club, so findet man sich sehr schnell unter 14-18 jährigen wieder, die mit „Chick“ in der einen und „Flying Hirsch“ (4) in der anderen Hand, tanzen, wie man es auf MTV lernt.

 

Viel interessanter als das Nachtleben ist die Geschichte dieser Stadt.

In historischer Hinsicht ist Wien eine Goldgrube. Neben Hofburg, Universität, Nationalbibliothek, Schloss Schönbrunn, Schloss Belvedere, kunsthistorischem, sowie naturhistorischem Museum, Arsenal, dem Stephansdom, der Albertina, dem Deutschordenshaus etc. etc. etc., sieht selbst die deutsche Hauptstadt jung aus. Dass Wien 400 Jahr lang die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und 600 Jahre lang Kaiserstadt war, schlägt einem an jeder Straßenecke entgegen. Über das gesamte Mittelalter und die Neuzeit, bis zum Ende des ersten Weltkrieges prägte die Habsburger-Monarchie die Stadt. Dieses Erbe wird auch heute noch in Ehren gehalten – Wer vom Kaiserhof einstmals die Erlaubnis bekommen hat, sich „K. u. K. – Hoflieferant,-schneider, -konditor, -usw.“ (5) zu nennen, tut dies auch heute noch mit Freuden.

Auch an der Universität ist daher das Institut zur Ausbildung angehender Historiker extrem ausgeprägt. Man ist stolz auf eine 650-jährige Geschichte der 1365 gegründeten Universität zurückblicken zu können. Der größte Vorteil für mein persönliches Studium war die Größe der Universität und der historischen Institute. Was man auch studieren will, hier wird es angeboten. Gerade auf sonst oft vernachlässigte Teile der Geschichtswissenschaft wird hier noch (?) Wert gelegt. Die Möglichkeit mich in den historischen Hilfswissenschaften weiterzubilden, war ausschlaggebend für die Wahl Wiens als Standort für mein Auslandssemester. Dementsprechend beschäftigte ich mich fast ausschließlich mit Heraldik (6), Sphragistik (7), Diplomatik (8) und Chronologie (9). Sogar mein Latein erfuhr eine Renaissance, da die Professoren es für gut und richtig halten auch Sekundärliteratur, also das, was man Bücherweise in seine Freizeit zu lesen hat, in der alten Gelehrtensprache auszuteilen.

Soweit, so gut – Wien ist also eine schöne, kulturbegeisterte und überhaupt nur tolle Stadt. Oder? Zumindest sind die Wiener davon so dermaßen überzeugt, dass man ziemlich schnell zu spüren bekommt, wenn man dieser elitären Gesellschaft nicht entspringt bzw. entspricht. Dass man in der U-Bahn zu hören bekommt, man sei ein „NC-Flüchtling“ und solle doch gefälligst „dahoam“ in Deutschland studieren, statt den Wienern die Studienplätze wegzunehmen, passiert häufiger, als man sich vorstellen möchte. Dazu kommt, dass man, wenn man sich in bestimmten Geschäften nicht wienerisch genug verhält, man wahlweise gar nicht oder in höchstem Maße unfreundlich bedient wird. An diese Situation muss man sich mehr als gewöhnen und merkt schnell, wie hilfreich es sein kann, sich als neureich zu tarnen – also in Hemd oder Cashmeremantel einkaufen zu gehen ist wesentlich angenehmer als in Jeans und T-Shirt.

Doch keine Angst, auch in Wien gibt es ein „Kreuzberg“ in dem sich die, die weniger Wert auf den äußeren Schein legen, mit den Künstlern und der jungen Generation treffen. Den Ort wo man im Cashmeremantel eher merkwürdig angeschaut wird, als im Shirt seiner Lieblingsmetallband oder in Hosen, die selbst mit Gürtel irgendwie immer wieder über den halben Hintern zu rutschen scheinen. Der 16. Bezirk, Wien-Ottakring, ist dieser Ort. Auf dem Brunnenmarkt, dem zweitgrößten täglich geöffneten Markt Wiens, bekommt man allerhand heimische und exotische Köstlichkeiten; an jeder Ecke ist ein Atelier oder ein kleiner Handarbeitsbetrieb zu finden und die verrottenden Gründerzeitbauten geben dem ganzen einen eigenen Charme.

Das gilt, solange man sich nicht auf einer der Hauptstraßen wiederfindet, denn dort ist das Glitzerparadies der 1€-Läden und Handyhüllenverkäufer. – Man glaubt gar nicht wie groß der Markt für Handyhüllen in Wien ist. Ernsthaft. Mindestens 20 Läden allein auf den ersten 500m der Thaliastraße…

 


 

(1) Guten Tag – Ich hätte gerne, einen Käsekrainer (Räucherwurst, die von Käse durchzogen ist) mit einem Endstück von einem Baguette und einem Klecks süßem Senf. Dazu einen mit Wasser gestreckten Mocca und einer Dose hellem Ottakringer Bier.

(2) Bier mit Wasser

(3) Die Zigarette, Die Zigaretten (scheinbar ein Pluralwort)

(4) Jägermeister mit Red Bull

 (5) Wobei K. u. K. In diesem Falle nicht mit dem deutschen Einzelhändler Klaas und Kock zu verwechseln ist, sondern sich auf das königlich (ungarische) und kaiserlich (Österreichische) Habsburger-Reich bezieht.

(6) Wappenkunde

(7) Siegelkunde

(8) Urkundenkunde

(9) Datierungskunde

 

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Michael Cremann

Ist meist dort zu finden wo die laute Musik für andere klingt wie ein Autounfall. Hängt hinter der Kinokasse herum oder gibt Führungen durch Münsters Ruine Nummer eins. Dazu wird noch getanzt und wenn dann noch Zeit ist, Geschichte und Archäologie studiert.

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