Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: Die unendliche Geschichte (Michael Ende)

So überkommt es ihn, als er zufällig eines Morgens in einem Antiquariat ein Buch mit dem Titel "Die unendliche Geschichte" entdeckt.
| Dominik Schiffer |

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Dominik Schiffer | seitenwaelzer.de

Nach all der großen und teilweise auch sehr mühsam zu lesenden Literatur, die in dieser Kolumne in der Vergangenheit gewälzt wurde, begeben wir uns zu Beginn dieses Jahres mal auf ein wenig andere Pfade. Kinder- und Jugendliteratur hat definitiv ein Imageproblem, gerade in Deutschland, wo das Schubladendenken zwischen Unterhaltungs- und ernster Literatur nicht aus den Köpfen zu kriegen ist. Dabei sind sich erfolgreiche Kinderbuchautoren einig: Für Kinder zu schreiben ist viel schwieriger als für Erwachsene. Sucht man aber im Internet (oder gar im Buchhandel), dann fällt auf, dass viele Autorinnen und Autoren der Herausforderung mit möglichst schrägen Titeln, bunten Covern und einer Tendenz zu anbiedernder Sprache, Albernheit und Slapstick begegnen. Das sind dann auch diejenigen, die bald vergessen sind.

Zu Beginn dieses Jahres wollen Sandra und ich darum mit einer Reihe zu Autoren starten, die diese Herausforderung ernsthaft angegangen und zu Klassikern der Kinderbuchliteratur geworden sind. Feige wie ich bin, beginne ich mit einem Buch, das kaum noch mehr Ruhm nötig hat. Ein schlichtes Buch mit roter und grüner Schrift, in roten Stoff gebunden. Auf dem Buchdeckel befinden sich zwei Schlangen, eine helle und eine dunkle, die einander in den Schwanz beißen und dadurch ein Oval bilden. Und in diesem Oval steht der Titel: Die unendliche Geschichte.

„Als wir seinerzeit ausmachten, dass ich dieses Buch schreiben sollte, […] – ich schreibe ja sehr ungern – sagte ich: Naja, wenn’s sein muss. Da hab ich in meiner Kramkiste herumgekruschtelt, wo ich Notizen hineinschmeiße, und da war unter anderem auch ein Zettel, auf dem stand: ein Junge gerät beim Lesen eines Buches buchstäblich in die Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus. […] Und ich dann: Ach ja, aber weißt Du, viel ist da nicht drin. Das wird vielleicht eine 100-Seiten-Geschichte. […] Und dann ist mir das Ding buchstäblich unter den Händen explodiert; in dem Moment nämlich, wo man das ernst nahm, sich also nicht mit ein paar Zaubertricks rettet, dass der Junge rein und wieder raus gelangt. Das ist mir zu wenig. Man überlegt sich: Was für eine Geschichte muss das sein, die den Leser geradezu zwingt, in sie hineinzugeraten, warum braucht ihn die Geschichte einfach? “

Michael Ende im Interview mit Klaus Seehafer, Anfang der 1980er Jahre

Der Junge Bastian Balthasar Bux steckt in einer Lebenskrise. Nach dem Tod seiner Mutter ist sein Vater ihm gegenüber gleichgültig geworden, seine Klassenkameraden hänseln ihn, er fühlt sich klein, dick, feige und ängstlich. Das Einzige, worin er gut ist, ist das Lesen und Erfinden von Geschichten. So überkommt es ihn, als er zufällig eines Morgens in einem Antiquariat ein Buch mit dem Titel Die unendliche Geschichte entdeckt. Er stiehlt es, versteckt sich auf dem Speicher seines Schulgebäudes und beginnt das Buch zu lesen, das ihn immer mehr in seinen Bann schlägt.

Es beginnt mit einer Seuche, die das unendliche Reich Phantásien bedroht und es langsam aber sicher im Nichts verschwinden lässt. Grund dafür ist eine rätselhafte Krankheit der Kindlichen Kaiserin. Sie wählt den jungen Atréju aus dem Stamm der Grünhäute aus, eine Erklärung und damit ein Heilmittel für sie zu finden. Doch auf der Großen Suche findet Atréju heraus, dass nur einer dem phantásischen Reich helfen kann: Bastian. Und nach und nach kommen sich beide Welten immer näher, bis die beiden Jungen einander buchstäblich gegenüberstehen und für Bastian ebenfalls eine Große Suche beginnt.

Wer niemals ganze Nachmittage lang mit glühenden Ohren und verstrubbeltem Haar über einem Buch saß und las und las und die Welt um sich her vergaß, nicht mehr merkte, dass er hungrig wurde oder fror –

Wer niemals heimlich beim Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen hat, weil Vater oder Mutter oder sonst irgendeine besorgte Person einem das Licht ausknipste mit der gut gemeinten Begründung, man müsse jetzt schlafen, da man doch morgen so früh aus den Federn sollte –

Wer niemals offen oder im Geheimen bitterliche Tränen vergossen hat, weil eine wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen musste von den Gestalten, mit denen man gemeinsam so viele Abenteuer erlebt hatte, die man liebte und bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos schien–

Wer nichts von alledem aus eigener Erfahrung kennt, nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat.

Michael Ende: Die unendliche Geschichte, 8. Auflage, Stuttgart 2023, S. 12

Es ist schwer, diesem Buch in einer Rezension gerecht zu werden. Michael Ende hatte immer den Vorsatz, seine Leser:innen ernstzunehmen und das zeigt sich in seinem Stil. Es wird bewusst auf eine anbiedernde Sprache mit Ausdrücken aus der „Jugendsprache“ verzichtet, die Sätze sind teilweise verblüffend lang und so geschachtelt, dass man manchmal beim Vorlesen über sie stolpert. Da es aber als Buch für Lesebegeisterte gedacht ist, wird dies für diese Gruppe kaum ein Problem darstellen.

Ohnehin macht der Inhalt alles wett, was einen stilistisch stören könnte. Endes Fantasie ist beeindruckend. Zwar bedient er sich durchaus des mythologischen Kanons aus Kulturen rund um den Erdball, bleibt aber da nicht stehen. Wo andere Autoren sich in bekannten Bahnen bewegen, geht Ende über diese hinaus und lässt die Grenzenlosigkeit Phantásiens wirklich spürbar werden. In beinahe jedem Kapitel finden sich Nebensätze zu Wesenheiten oder Regionen, die mehr Originalität beweisen, als einige Autor:innen in ganzen Romanreihen aufzeigen können.

Darüber hinaus ist das Werk auch ein Spiel mit dem Medium Buch und dem Prozess des Lesens, nicht nur durch die „Buch im Buch“-Verbindung, da das gedruckte Buch genau so aussieht, wie auch das Buch in der Geschichte beschrieben wird. Auch der zweifarbige Schriftdruck trägt dazu bei, nie die Orientierung zu verlieren und ist gleichzeitig in die Weltlogik eingebunden.

Die unendliche Geschichte ist ein unglaublich reichhaltiges Buch. Ende greift hier mit seinem Anspruch Stil, Inhalt, äußere Form und verschiedene Metaebenen miteinander zu verbinden sehr hoch, erreicht sein Ziel aber doch mit Leichtigkeit. Die Geschichte ist vielschichtig, die Figuren gut entwickelt, die angesprochenen Themen sind ernsthaft, aber doch nicht erdrückend. Dieses Buch will wieder und wieder entdeckt werden und wird mit jedem neuen Lesen eine weitere Facette oder ein Detail offenbaren, das zuvor noch nicht ins Auge gesprungen ist. Vor allem aber ist es eine große Liebeserklärung an Geschichten, an Bücher und an das Lesen. Nicht nur großartiges Jugendbuch, schlicht und einfach an sich ein großartiges Buch. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…

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Dominik Schiffer

Hat Geschichte und Skandinavistik studiert und ist dennoch weiterhin wahnsinnig neugierig auf Texte aus allen Jahrhunderten. Verbringt außerdem bedenklich viel Zeit in der Küche, vor Filmen/Serien, auf der Yogamatte und mit allerlei „Nerdstuff“.

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