Kultur und Medien / Rezension

Tatsächlich gelesen: Paddington Bear (Michael Bond)

Was hat ein kleiner Bär aus Peru mit der Queen, dem Five o'Clock Tea und den Beatles gemein? Das erfahrt ihr hier.
| Sandra Hein |

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Sandra Hein | seitenwaelzer.de

Was eint die Queen, den Five o’Clock Tea, die Beatles und die Romanfigur des kleinen Bären Paddington? Klar, sie alle gehören zum nationalen Kulturerbe Großbritanniens, sind auf ihre Art Galionsfiguren des „British Way of Life“ und durch ihre stetige mediale Präsenz aus dem normalen Alltag der Insulaner (und teils sogar weit darüber hinaus) nicht wegzudenken. Dringend Zeit also, sich in unserer Rubrik „Tatsächlich gelesen – Kinderbücher“ eingehend mit der britischen Kult-Reihe um „Paddington Bear“ zu beschäftigen.

Orangenmarmelade und Paddington – mein „Madeleine de Proust“

Als denkbar großer Great-Britain-Fan freue mich ungemein mit diesem Artikel ein wenig meine Liebe zu Land, Leuten und Kultur mittels Hilfe des kleinen Bären zu versprühen. Zu Anfang möchte ich kurz einen Bogen zum französischen Dichter Marcel Proust spannen, der 1913 das Madeleine-Phänomen beschrieb. Er fasst etwas in Worte, was sehr gut zu unserer Kinderbuch-Nostalgie passt: Jede*r hat wahrscheinlich schon einmal erlebt, dass ein ganz bestimmter Geruch oder Geschmack unvermittelt besondere, vergangene (Kindheits-)Momente hervorgerufen kann. Für Proust waren es die französischen „Madeleine“-Backwaren, die diese Wirkung auf ihn ausübten – für mich ist es unter anderem der Duft von Orangenmarmelade. Er ruft sofort Paddington und die gemeinsamen Familienurlaube in London in mein Gedächtnis. Warum Orangenmarmelade unmittelbar mit Paddington verbunden ist und viele Menschen Ähnliches mit ihrer Kindheit assoziieren, darunter sogar die Queen, das möchte ich im Folgenden etwas ausführen.

Überblick über die Rahmenhandlung der Romane

Der kleine, junge Paddington – ein Brillenbär aus dem „tiefsten“ Peru – hat es nicht leicht: Als Waisenkind wurde er von seine Pflegeeltern Onkel Pastuzo und Tante Lucy liebevoll aufgenommen; sie lehrten ihn gute Manieren und er wurde der englischen Sprache mächtig. Nachdem jedoch sein Onkel verstirbt, entschließt sich die Tante des Alters wegen in ein Heim für pensionierte Bären nach Lima zu ziehen. Paddington aber soll ihren gemeinsamen Traum, einmal das geliebte Großbritannien zu besuchen, das sie drei nur aus Büchern kennen, erfüllen und seinen Platz in der Welt finden. Er gelangt mittels eines Rettungsbootes den weiten Weg nach Europa und strandet am Ziel: London, genauer gesagt Paddington Station.

Man stelle sich also einen mittellosen, leicht naiv-verträumten und damit heillos aufgeschmissenen Bären in einem der größten Bahnhöfe Großbritanniens vor: herzzerreißend! Das sieht die Familie Brown, die gerade von einem Ausflug heim kommt, ganz genauso und nehmen ihn kurzerhand bei sich auf, in Windsor Gardens 32 im Londoner Stadtteil Notting Hill. Schnell erkennen sie, dass Paddington knuffig, herzlich und stets freundlich allen gegenüber auftritt und eine innige Liebe zu selbstgekochter Orangenmarmelade aufweist (er bewahrt immer ein Sandwich davon in seinem Hut auf). Er hat aber leider eine große Schwäche: Er versteht so mancherlei zwischenmenschliche Kommunikation nicht. Zudem ist er – zu seinem größten Bedauern – unglaublich tollpatschig.

So kommt es in den 15 Bänden, die zwischen 1958 und 2018 erschienen, immer wieder zu slapstickartigen Abenteuern. In Trubel gerät er vor allem dadurch, dass er oftmals scheinbar ungerechte Situationen wittert und den beteiligten Menschen – animiert durch seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – verzweifelt helfen möchte. Leider stellen sich die Dinge dann ziemlich schnell ganz anders dar – entweder hat Paddington die Lage missinterpretiert oder stößt durch seine ungewöhnlichen, den kulturellen Gepflogenheiten nicht immer angepassten Methoden auf Ablehnung.

Als Beispiel kann man hier den Besuch im Theater nennen, wo er unbedarft in der Pause dem hinterhältigen „Vater“ eine kräftige Standpauke hält. Dass dieser als Hauptdarsteller nur eine Rolle im Stück ausübt und keineswegs so in der Realität agieren würde, kommt Paddington leider zu spät in den Sinn. Ungeahnte, lustige Konsequenzen entstehen. Seine Unbeholfenheit prallt dabei auf ihm nicht immer ganz wohlgesonnene Menschen, wie zum Beispiel dem griesgrämigen, ausländerfeindlichen Nachbarn Mr. Curry. Doch seine stets liebenswürdige Ader hilft ihm schlussendlich jedes Malheur ins Gute wandeln zu können.

Letztlich kann man sich die Romanreihe als Aneinanderreihung von vielen kurzen, humorvollen Ausschnitten von Paddingtons Lebens in London vorstellen. Es ist daher nicht vonnöten sie chronologisch oder vollständig zu lesen; ich empfehle sie mehr fürs Blättern und je nach Laune das Auswählen einzelner Anekdoten.

Wie Paddington seinen Namen bekam

Sandra Hein | seitenwaelzer.de Die niedlichen Illustrationen stammen von Peggy Fortnum.

Falls ihr euch gewundert habt, warum der Bär den unüblichen Namen Paddington trägt (wobei die Frage bliebe, was ein gewöhnlicher Bärenname wäre): Er ist benannt nach gleichnamigem Bahnhof in London, in welchem er auch zu Beginn von den Browns gefunden wird. Der Autor Michael Bond hatte 1956 einen Teddybären in einem Shop in Bahnhofsnähe gekauft und ihn seiner Frau zu Weihnachten geschenkt. Die Idee der Geschichte eines einsamen Bärens ward geboren, welche (angeblich) nur zehn Tage brauchte, um auf Papier gebracht zu werden.

Es mag kein Zufall sein, dass Bond die Geschichte in Paddington Station beginnen ließ, immerhin ist dieser Bahnhof ein symbolischer Knotenpunkt des Landes, der die verschiedenen Züge aus Nord und Süd vereint. Zudem fuhren im Zweiten Weltkrieg von dort viele Züge mit sogenannten Verschickungskinder ab, die aufgrund des Bombenhagels auf London aus der Stadt aufs Land flohen. Außerdem kamen an den großen Bahnhöfen Londons viele jüdische Kinder an, die in Großbritannien aufgenommen wurden. Die Aufmachung Paddingtons mit kleinem Handkoffer versehen mit einem Zettel, auf welchem „Please look after“ steht, ähnelt dem dieser Kinder stark. Übrigens: Heute ist an Platform 1 in Paddington Station eine Bronzeskulptur des Bären zu sehen.

Paddington – der populärste Bär der Welt?

Paddingtons Aussehen ist den meisten wohl durch die bezaubernden Illustrationen von Peggy Fortnum bekannt; sein blauer Duffelcoat und breitkrempiger roter Hut prägen seinen Look und haben einen hohen Wiedererkennungswert. In London kann man nahezu an jeder Ecke Merch vom kleinen Bären ergattern; sogar Briefmarken und 50 Pence-Münzen sind mit Paddingtons Konterfei bedruckt. Seine große Präsenz im englischsprachigen Raum ist auch durch „seine“ regelmäßigen Auftritte bei Spendenaufrufen britischer Kinder-Hilfsorganisationen beziehungsweise in Kurzfilmen des öffentlich-rechtlichen Senders in Großbritannien zu erklären. Er ist somit ein absolutes Kindheitssymbol der Briten und neben Winnie Pooh wahrscheinlich der weltweit populärste Bär überhaupt.

Große Empfehlung: In Paddingtons Fall stehen den Büchern die Realfilmabenteuern (2014 & 2017) mit hochkarätigen Schauspielern wie unter anderem Julie Walters, Hugh Bonneville, Sally Hawkins sowie Nicole Kidman als Gegenspielerin in nichts nach. Vielen Erwachsenen in Deutschland mag der Bär vor allem durch die im Kika ausgestrahlte Zeichentrickserie aus den 1990er-Jahren bekannt sein.

Paddington Bear und seine Freundschaft zu Queen Elizabeth II.

Vor einigen Jahren erregte ein Comedy-Sketch besondere Aufmerksamkeit: Ein Video im Rahmen der Platinum-Jubilee-Krönungsfeierlichkeiten, in welchem die Queen Paddington zu einer britischen „Tea Party“ mit Sandwiches einlud und mit ihm ganz ungeniert quatschte. Da dies retrospektiv eine ihrer letzten öffentlichen Auftritte war, wurde dieses Video seit ihrem Ableben zum Symbol der allgemeinen Volkstrauer. Nach dem Tod eines Mitglieds der Königsfamilie legen viele Bürger traditionell Gegenstände vor den Buckingham Palace, in ihrem Fall waren das Paddington-Stoffbären und echte Orangenmarmelade-Sandwiches.

„What an astute idea it was to have her act with Paddington, because Paddington embodies so many of the values that she stood for. Paddington is all about kindness, toleration, being kind to strangers, politeness – these things that are about character. And those are values that she’s embodied throughout her life.“

Frank Cottrell-Boyce in „The Queen and Paddington: How a bear became an unlikely royal mascot“, BBC News, 15.09.2022

Ein (tierischer) Held im Alltagsgeschehen?

Sandra Hein | seitenwaelzer.de Es existieren 15 Bände, die vielfältige Abenteuer bereit halten.

Paddington ist tollpatschig-komisch im Alltag, aber wenn’s drauf ankommt, würde er dir todernst jederzeit aus der Patsche helfen. Er verkörpert kindgerecht positive Eigenschaften: Er ist aufrichtig, sensibel, herzlich, ehrlich, kameradschaftlich, verlässlich und mutig. Er zeigt Kindern, wie man sich mit unglaublich viel Glauben an das Gute in jedem von uns den Sorgen des Alltags nicht entziehen, sondern sie offensiv angehen sollte. Trotz oder vielleicht gerade wegen seines Scheiterns, bleibt Paddington einem als Held des Alltags in Erinnerung. Er weiß um seine Schwäche und stellt sich aus Mitgefühl für andere seinen Herausforderungen.

„The magic of Paddington is that through his wide-eyed innocence, he sees the very best in humanity, reminding us that love and kindness can triumph if we open our hearts and minds to one another.“

Sonia Friedman und Eliza Lumeley in BBC News, 11.12.2023

Dass Tiere gewisse moralische Denkmuster verkörpern und sogar sprechen können, ist etwas, dass schon seit der Antike existiert. Man könnte Paddington daher gewissermaßen als moderne Äsop-Fabel verstehen. Im Gegensatz zu diesen ist Paddington jedoch mehr als eine Romanfigur aus einem Märchen; er erscheint durch seinen Kultstatus beinahe als reale Person. Auf alle Fälle ist er jedoch wesentlich vielschichtiger und tiefgründiger als die sonst in Geschichten zu Wort kommenden Tiere. Seine Stärke liegt in seiner Beharrlichkeit, seiner Integrität, Ehrlichkeit und seinem Talent, über sich selbst lachen zu können.

Über die Schwierigkeiten des Anders-Seins

„Paddington Bear“ ist jedoch kein „Ende gut, alles gut“-Kinderbuch. Durch Paddingtons den Verschickungskindern ähnelndendes Aussehen spricht das Buch implizit viel über das Fremdsein und die Andersartigkeit. Paddingtons Leben kann sozusagen exemplarisch dazu dienen, Kindern zugänglich und kindgerecht die Schwere des Immigrantenlebens zu zeigen. Paddington symbolisiert jemanden, der in einer ihm völlig fremden Kultur versucht, ein neues Leben zu beginnen. Besonders interessant finde ich, dass, obwohl Bond deutlich die britische Kultur hervorhebt und Paddington einige britische Eigenarten annimmt, er sich jedoch nie komplett assimilieren muss. Stattdessen zeigt er den Browns zum Beispiel durch das gemeinsame Orangenmarmeladekochen nach peruanischem Rezept seine Kultur. Man merkt über die Romane zunehmend, wie viel die Familie letztlich doch von dem tapferen Bären annimmt.

Zum Abschluss ein Löffel Orangenmarmelade

Paddington ist und bleibt nicht-menschlich und daher undurchdringbar, er besitzt ein unschätzbares Alter. Manchmal erscheint er vom höflichen und ruhigen Charakter her uralt; ein anderes Mal siegt seine kindliche Neugier. Er ist daher eine brilliant geschriebene Identfikationsfigur für alle Alterstufen. Ich denke beim Lesen immer, dass wir öfter nach Paddingtons Motto handeln sollten: „If we’re kind and polite, the world will be alright.“ Und sollten wir je an uns selbst zweifeln, dann werde ich mir für meinen Teil von nun an ein Orangenmarmeladenbrot schmieren und denken: „I will never be like other people, but that’s alright. (Because I’m a bear. A bear called Paddington.)“

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Sandra Hein

Liebt und lebt ihr Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie samt all seinen Klischees. Dazu gehört selbstverständlich Frida Kahlo und Vincent van Gogh als seine besten Freunde zu betrachten und sich in Pompeji ohne Stadtplan problemlos zurechtzufinden ;) Als kleiner Bücherdrache ernährt sie sich hauptsächlich von Abenteuern aus den Jules-Verne-Romanen oder alten schwarz-Weiß-Krimis und möchte als neue olympischen Sportart einen Besuchs-Marathon durch alle europäischen Museen vorschlagen. Sollte der Traumjob Kuratorin nicht in Erfüllung gehen, sieht sie sich als Geist in einem schottischen Castle. Freund*innen munkeln, dass sie wahrscheinlich mehr schwarzen Ostfriesentee als Blut im Körper besitzt…

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