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Meditation – Von der Monats-Challenge zum Lebensstil

30 Tage täglich Meditieren
| Jasmin Larisch |

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

„Einfach hinsetzen, den Moment wahrnehmen und den Atem erforschen. 15 Minuten sitzen bleiben und täglich üben.“ Dass es nicht ganz so einfach ist mit dem Erlernen der Meditation, das stellt wohl jeder Anfänger erstmal fest. Denn es ist wie das Spielen eines Instruments: Mit Übung wird’s besser. Dies stellte ich in meiner nächsten Monats-Challenge fest: Übung macht den Meister – ein klarer Kopf, bessere Konzentration und neue Perspektiven waren die Belohnung. Warum auch gerade uns Studierenden Meditieren helfen kann.

Um es vorwegzunehmen: Ich bin keine Anfängerin, wenn es um das Erlernen sogenannter ‚mentaler Praxen‘ geht. Bereits vor zwei Jahren hatte mir eine Studienberaterin unserer Uni bei meinen anhaltenden Konzentrationsschwierigkeiten und Unistress ‚Autogenes Training‘ empfohlen. Ursprünglich abgeleitet von der Hypnose, entspannt man sich dabei durch sogenannte Mantras. Dies sind Vorsatzformeln, welche zunächst die Arme schwer, den Kopf ruhig, den Solarplexus im Bauchraum aktiviert und die Stirn kühl werden lassen, ehe man sich anschließend für ein paar Minuten Mantras für bessere Konzentration, Dankbarkeit oder Ruhe in einem Zeitraum von mindestens 30 Tagen vorsagt. In acht Wochen merkte ich schnell eine Besserung meiner Beschwerden. Ich wandt die Techniken insbesondere zum Lernen an oder in der Mittagspause, um mich wieder auf meine Hausarbeit fokussieren zu können.

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Warum Seele und Körper zusammenbringen?

So dachte ich, ich gehe einen Schritt weiter und möchte Meditation nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern als neugieriges Projekt, langanhaltend in mein Leben integrieren. Ob in der Welt, Zeit Wissen oder auf Facebook: Ich stieß Ende letzten Jahres mehrmals auf die momentan umfassendste, und damit einzigartige Längsschnittstudie zum Thema Meditation, auf das „ReSource Projekt“. Dieses Projekt untersucht seit 2015 in einem Team von Neurowissenschaftlern und langjährigen Meditationslehrern die weitreichenden und komplexen Einflüsse einer Meditationspraxis von Anfängern in einem Zeitraum von mindestens 8 Wochen. Insgesamt haben über 300 Teilnehmer bisher daran teilgenommen, die Nachfrage war und ist extrem hoch, das Programm vielfältig und alltagsintegriert. Erste Ergebnisse wurden schon veröffentlicht und konnten einen positiven Einfluss von Meditation auf das Mitgefühl, die Präsenz, die physiologischen Begebenheiten sowie auf gesundheitliche Resilienz bestätigen.

Durch mein längeres Interesse am mentalen Training, durch den Tipp meiner Studienberaterin und meine durchweg positiven Erfahrungen kommt diese Studie gerade zur rechten Zeit. Selbst ohne geleitetes Team wollte ich das “ab und zu” in “täglich und beständig” verwandeln und priorisierte das Selbstexperiment daher ganz oben auf meinem Challengeplan für 2018.
Ich blieb dran, beschäftigte mich intensiv mit Achtsamkeitstrainings, wie dem bekannten MBSR, dem Mindful-based Stress Reduction Programme des Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn, welches schon längst einen Stellenwert im öffentlichen Diskurs um mentale Gesundheit hat. Die sechs Wochenpläne waren eine tolle Grundlage und Hilfe, um mich langfristig auf meine Challenge und meinen Wunsch einzustellen. Mittlerweile wird Achtsamkeit sogar als Praxis in Psychotherapien eingesetzt, um Symptome zu lindern, den Lebensstil anzupassen und unvoreingenommener sich selbst und seinem inneren Kritiker gegenüber zu stehen. Auch wenn nicht in so hohem Maße: Selbstzweifel, Stress und ein „Head in the clouds“ Gefühl kommen besonders bei Studierenden oft vor.

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Zu Anfang: Sich einen Raum schaffen

So nahm ich mir vor, mich einen Monat lang jeden Tag für 15 Minuten im Schneidersitz hinzusetzen und zu meditieren. Zu Anfang ist es wie mit jeder Sache, von der man weiß, dass sie einem eigentlich guttut, aber die essentielle Motivation erst einmal fehlt: An den ersten Tagen werden folgende Stimmen laut: „Bin zu müde“, „Hab‘ zu viel zu tun“, „Bin nicht in Stimmung“, „Mein Mitbewohner spielt grad‘ Gitarre“. Dies war natürlich alles Quatsch. Klar solltest du, vor allem als Beginner, nicht starten, wenn dich zu viele Hintergrundgeräusche ablenken oder wenn du wegen eines engen Zeitfensters oder eines Termins Zeitdruck hast.

Ein schönes Kissen, ein inspirierender Satz oder ein Ziel und eine relativ fixe Zeit – bei mir war es meist nach dem Mittagessen oder der frühe Nachmittag – halfen mir täglich, daran zu denken und zu üben.

Weitere Hilfsmittel waren Bücher, ähnlich wie jenes von Jon Kabat-Zinn, welche anschauliche Pläne beinhalten und somit ein toller Leitfaden sind.
All das hilft, nicht völlig planlos anzufangen. Der Beginn ist geprägt von Praktiken wie dem Bodyscan, bei dem man zuerst wahrnimmt, wie sich der Körper gerade anfühlt, was einen für Emotionen und Gedanken beschäftigen und was einem wichtig ist. Sind diese Grundlagen beherrscht, fängt man an, die Atemwellen zu erforschen und Wünsche zu visualisieren, um dann am ‚gewünschten Stadium‘ in der Meditationspraxis, dem inneren Einblick und völliger Schwerelosigkeit anzugelangen.
Da mein Hauptproblem immer noch das richtige ‚Prioritäten setzen‘ ist, wählte ich für die Monats-Challenge dieses Mantra aus und stellte mir im entspanntem Stadium vor, wie ich im Alltag richtige Prioritäten setze und sagte mir diesen Satz mehrmals vor: „Ich setze meine Prioritäten besser.“
Auch bei mir dauerte es ein wenig, trotz der erwähnten vorherigen Erfahrung, mal alle Termine, Erledigungen, Erwartungen, Pläne, Deadlines und Hausaufgaben für diese Zeit sein zu lassen. Der Begriff „meditari“ kommt übrigens aus dem lateinischen und heißt sowas wie „nachsinnen oder auch nachdenken“. Nachdenken passt hier nicht ganz, denn es geht ja eher darum, sich einen Raum zwischen dem Stimulus und der meist aus Logik schöpfenden, kritischen Antwort zu schaffen. Denken, ökonomisch Zeit und Nutzen abwägen, das kennt man ja schon und ist meist das Problem, das was uns in Schwitzen kommen lässt.

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Und dann, war er da: dieser Raum. Schon nach einer Woche hatte ich dieses Gefühl von frischem Wind in meinem Kopf, frei von Deadlines und Terminen. Ich konzentrierte mich darauf, mich nicht von den Stimmen im Kopf beirren zu lassen, die mich vom Vorhaben ablenkten.
Als dieses Gefühl das erste Mal eintraf, bemerkte ich, wie ich in meinem Lotussitz und offen-gefalteten Händen für 5 Minuten einfach nur grinsend dasaß. Dankbar und froh, dass es so schnell geklappt hat. Ich freute mich, Tag für Tag mehr zu meditieren, um eine Art „Refugium“ zu haben. Nicht um mich von der Welt und ihren Pflichten abzukapseln, aber um mal all dies sein zu lassen und auf unvoreingenommene Weise mir jeden Tag diese Zeitspanne zu nehmen und ruhig werden zu dürfen.

Von der Routine zum Lebensstil

Nach diesen 30 Tagen habe ich nicht nur gemerkt, wie leicht es mir nun fällt zu meditieren: Wenn ich es nicht täglich mache, dann im 2-3 Tagesrhythmus. Denn ich habe auch gemerkt, wie sich eine Praxis ganz schleichend als Lebensstil, wortwörtlich in dir inkorporiert. Ich bin ruhiger geworden, entspannter, und merke, wie sich anscheinend auch mein Gehirn an diesen Urlaub für die Nerven gewöhnt hat. Wenn ich gerade mal unterwegs bin, in der Bib zum Lernen oder einen anstrengenden Tag vor mich habe, wo die 15 Minuten tatsächlich schwierig einbringbar sind, stelle ich mich auf kleine Achtsamkeitsübungen ein. Denn Achtsamkeit ist ohnehin ein Nebenprodukt von Meditation: Wo letztere eher eine Suchfunktion hat und man mit verschiedenen Techniken ebenso verschiedene Outcomes hat, ist Achtsamkeit, wie oben erwähnt, das Tool zur Alltagspraxis. Und daher super für Studierende, um Laster, Lernprobleme und Co, Schritt für Schritt und selbstständig angehen zu können.

Und wie sieht es mit meinen Prioritäten aus, welche ich mir 30x mal täglich gerühmt und wiederholt habe?

Allein schon das tägliche Erinnern löste bei mir aus, dass ich öfter daran dachte und statt dem Handy eher die Hausarbeit vorzog. Schon die Disziplin zu sagen „Ich setz mich jetzt hin“, schafft andere Prioritäten. Diese Erfahrung zeigte mir, dass kleine Veränderungen über einen langen Zeitraum viel bringen können. Sogar, um sich auf allen Ebenen bewusst zu machen: Es ist okay, sich eine Auszeit zu nehmen und auch in der Prüfungszeit zu entfliehen und Urlaub fürs Gehirn zu machen.

Uniprojekte hin oder her, ich bleibe nun am Ball. Denn das wichtigste Projekt an dem du immer arbeiten wirst, bist du.

Dieser Artikel stellt nur die Meinung der AutorInnen dar und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von seitenwaelzer wider.

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Jasmin Larisch

Hej! Ich bin Jasmin, von meinen Freunden meist 'Mini' genannt, bin 21 Jahre alt und studiere seit Herbst 2015, Soziologie und Kultur-und Sozialanthropologie (=KuSA) an der WWU. Münster hat es mir sehr angetan- Unileben, Kultur, Kunst, junge interessante Leute überall! Das Leben als Studierender ist aufregend, bunt, vielseitig und manchmal echt tricky- so hoffe ich, zusammen mit meinem Team, euch ein paar Tipps und Anstöße geben zu können. Seit 2015 bin ich deshalb als freie Autorin bei seitenwaelzer.de und habe nach wie vor viel Freude daran. Viel Spaß beim Lesen!

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